Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Die "Grunddisziplin" Metaphysik. Sowie Erkenntniskritik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie.
JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Di 23. Jun 2015, 01:52

Ich möchte nun einmal die drei Vorlesungen von Prof. Hoyningne-Huene (sprich: Heuningen-Hüne) zur Erkenntnistheorie wiedergeben und kurz anreißen... Die drei Vorlesungen sind Teil seiner Einführung in die theoretische Philosophie...

Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie I: Wissen und Wahrheit

Ich persönlich möchte an der klassischen Definition von Wissen als "wahrer gerechtfertigter Meinung" festhalten, und das trotz des Gettier-Priblems...

Was den Wahrheitsbegriff anbelangt, so vertrete ich persönlich die Korrespondenztheorie der Wahrheit, die ich aber neu formuliert habe:

Wahr ist immer nur eine Aussage, die mit den beobachtbaren und nicht-beobachtbaren Tatsachen übereinstimmt

Meines Erachtens ist diese neue Definition etwas umfassender, und auch elastische gegen mögliche Einwände

Aber auch die Kohärenztheorie der Wahrheit funktioniert als Wahrheitstheorie, vor allem bei "abstrakten" Wahrheiten (z.B. mathematische Aussagen), bei denen die Korrespondenztheorie der Wahrheit zu versagen scheint... Dagegen versagt die Kohärenztheorie der Wahrheit bei Bezügen auf konkrete Sachverhalte... Hier müssten sich also eigentlich diese beiden Wahrheitstheorien ergänzen... Zugleich ist die Kohärenztheorie der Wahrheit immer auch eine Wahrheitspragmatik im Sinn der Theorie der Wahrheitskriterien... Kohärenz ist immer auch ein wichtiges Wahrheitskriterium...

Aber die eigentliche Wahrheitspragmatik ist die Konsenstheorie der Wahrheit... Bei ihr handelt es sich "nicht" um eine Wahrheitstheorie, sondern tatsächlich nur um eine Wahrheitspragmatik... Aber dann ist sie wieder mit im Spiel... Habermas wird das freuen...

Der gesamte Zusammenhang lässt sich als eine Art Dreieck darstellen... Ich versuche mal eben, es zu skizzieren:


...................................Kohärenztheorie
................................Wahrheitstheorie und
.................................Wahrheitspragmatik




...........Korrespondenztheorie...................Konsenstheorie
..............Wahrheitstheorie...................Wahrheitspragmatik


Literaturhinweise:

- Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, deGruyter
- Alberrt Keller: Grundkursphilosophie - Band 2: Allgemeine Erkenntnistheorie, Kohlhammer/Urban
- Kurt Eberhard: Einführung in die Erkenntnis- und Wissenstheorie, Kohlhammer/Urban

Gruß Joachim Stiller Münster

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Di 23. Jun 2015, 02:47

Hier die zweite Vorlesung:

Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie II: Analytisch vs. synthetisch, a priori vs. a posteriori

Die Matrix, die Hoynignen-Huene am Ende gibt ist absolut korrekt, und sie ist auch diejenige, auf die sich selbst gekommen bin... Leider werden oft abweichende Darstellungen verwendet... Ich persönlich lege aber absolut großen Wert darauf, es genau "so" zu machen, und nicht anders, und zwar aus rein psychologischen bzw. erkenntnispsychologischen Gründen... Es ist einfach eine Frage des richtigen Zugriffs...


.......................analytisch.................synthetisch

a priori..................ja.......................kontrovers

a posteriori........nicht sinnvoll....................ja


Die Frage, ob es tatsächlich synthetische Urteile a priori gibt, wie Kant behauptet, ist ganz besonders kontrovers, vor allem in der Philosophie des 20. Jahrhunderts... Großer Bedeutung kommt dieser Kontroverse in der Philosophie der Mathmatik zu... Es gab einmal im Netz eine Arbeit des Schweitzers Gerald Walti, die ich glücklicher Weise abgeschrieben habe (ich gebe zu, ohne Walti zu fragen, denn Walti hat die Arbeit inzwischen wieder aus dem Netz genommen)... Aber ich halte die Arbeit für derart gut, dass ich hier unbedingt auf sie hinweisen und sie gleich einmal anhängen möchte...

Gruß Joachim Stiller Münster
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Di 23. Jun 2015, 04:54

Hier noch eben der dritte Vortrag von Prof. Hoyningne-Huende zur Erkenntnistheorie:

Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie III: Genese vs. Geltung, Skeptizismus vs. dogamtismus, Relativismus vs. Universlaismus

Zum Stichwort "Genese vs. Geltung" möchte ich nur Anmerken, dass beide in der Wissenschaft tatsächlich streng zu trennen sind... In der Philosophie ist das aber möglicher Weise nicht mehr so... Jedenfalls nicht immer... Aks absolut krasses Besipiel möchte ich kants Tafel der Kategorien aus der KdrV nennen. Kant entwickelte die Tafel, das weiß man aus Briefen und Aufzeichnungen, auf Grunnd seines Studiums von Newton, wobei der die Tafel seinen Studien anpasste... Erst als die Tafel fertig war, entwickelte er daraus die Tafel der Urteile... In der KdrV stellt er es dann aber genau anders herum dar und behauptete, die Tafel der Kategorien könne und müsse aus der Tafel der Urteiel her- und abgeleiter werden... Und das geht so natürlich nicht...

Gruß Joachim Stiller Münster

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Di 23. Jun 2015, 05:02

Zum Stichwort Skeptizimus vs. Dogmatismus hier ein kurzer Text aus der kleinen Weltgeschichte der Philosophie von Hans Joachim Störig, den ich auch mit in meine kleine Philosophie genommen habe:

Der Skeptizismus


Man unterscheidet für die Antike drei Perioden der skeptischen Philosophie. „Begründer der älteren Richtung war Pyrrhon von Elis (etwa 360 bis 270 v.Chr.). In der mittleren Periode, auch akademische Skepsis genannt, weil die platonische Akademie zu dieser Zeit ihr Hauptsitz war, ragen Arlesilaos (3. Jh. V.Chr.) und Karneales (2. Jh. v.Chr.) hervor. Begründer der jüngeren Skepsis was Ainesimedos, der um Christi Geburt lebte. Am vollständigsten erhalten sind die Werke des Sextus Empiricus, der erheblich später, etwa 200 n.Chr, gelebt hat. Charakteristisch für die antike Skepsis ist die Lehre von den Tropen. Mit dem Namen Tropus bezeichnete man die Gesichtspunkte, die alle die Unerkennbarkeit der Wahrheit beweisen. Ainesidemos stellt zum Beispiel deren zehn auf:

1. die Verschiedenheit des Lebewesen im allgemeinen,
2. die Verschiedenheit der Menschen,
3. die verschiedenen Einrichtungen der Sinnesorgane,
4. die Verschiedenheit der subjektiven Zustände (Stimmungen usw.),
5. die Verschiedenheit der Stellung, Entfernung und örtlichen Umgebung eines Objekts,
6. die Vermischung mit Andersartigem,
7. die verschiedenartige Wirkung der Objekte je nach Quantum (Menge) und Komposition
(Zusammensetzung) derselben,
8. die Relativität aller Erscheinungen und Wahrnehmungen,
9. die Häufigkeit oder Seltenheit der Eindrücke,
10. die Verschiedenheit der Erziehung, Gewohnheit, Sitte, der religiösen und philosophischen
Anschauungen.

Charakteristisch ist ferner, dass die meisten antiken Skeptiker ihre – als solches durchaus wertvollen – logischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen nicht als Selbstzweck betrieben, sondern ihre Erkenntnisse der Unerkennbarkeit alles Bestehenden und die daraus hervorgehende „Enthaltung vom Urteil“ als Voraussetzung ansahen, um das praktische Ideal einer heiteren und unerschütterlichen Seelenruhe zu erreichen – womit sie in ethischer Hinsicht durchaus den Stoikern und den Epikureern an die Seite gestellt werden können.“ (Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.199-200)

Die obige Aufstellung der Tropen von Ainesidemos zeigt deutlich, wie ungemein modern der Skeptizismus ist. Absolute Wahrheiten gibt es nicht. Das ist in der Tat auch mein Standpunkt. Wir können uns immer nur der Wirklichkeit annähern, diese aber nie erreichen. Jede Wahrheit ist somit nur eine Approximation (Annäherung) an die Wirklichkeit.

Der Realtivismus

Ich gebe gerne zu, dass mir der Skeptizismus in den Anfängen sehr sympatisch war... Heute möchte ich mich unbedingt davon distanzieren, und stattdessen lieber die Postion eines Relativismus einnehmen... In Bezug etwa auf die Wahrheit gilt:

Eine Wahrheit ist immer nur gültig innerhalb der Grenzen ihres jeweiligne Gültigkeitsbereiches...

Damit ist praktisch jede Wahrheit relativ... eine absolute Warhheit gibt es nicht... Aber Wahrheit ist nicht per se unmöglich... Daher eben meine heutige Ablehnung des Skeptizismus...

Gruß Joachim Stiller Münster

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Di 23. Jun 2015, 18:52

Hier noch eben meine Teilschft zur Erkenntnistheorie, die sich aber weniger mit Erkenntnis "als Wissen" beschäftigt, sondern vielmehr mit Erkenntnis "als" Prozess... Das ist etwa grundsätzlich Neues, das aber seine Vorläufer hat, unmittelbar bei Steiner,, mittelbar bei Kant und Thomas von Aquin... Dabei unterscheide ich nicht nur zwei Säulen der Erkenntnis, wie das allgemein üblich ist, sondern mindestens drei, wenn nicht sogar vier...

http://joachimstiller.de/download/philo ... heorie.pdf

Gruß Joachim Stiller Münster

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » So 12. Jul 2015, 01:12

Hier einmal der 4. Teil meiner Präsentation zur Einführung in die tehoretische Philosophie: "Einführung in die Erkenntnistheorie":

http://joachimstiller.de/download/philo ... gesamt.pdf

Gruß Joachim Stiller Münster
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.

Logx
Beiträge: 1
Registriert: So 12. Jul 2015, 22:47

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon Logx » Mo 13. Jul 2015, 22:31

@Offtopic
Kurze Frage zur ersten Vorlesung: Der Professor schreibt Justified True Belief (JTB) Platon zu. Welche Quellen gibt es dafür? Ich suche eine Quelle welche JTB klar definiert mit Bezug zu den entsprechenden Textpassagen Platons.

Bisher habe ich folgendes:

Gettier merkt in seinem Paper „Is Justified True Belief Knowledge?“ am Ende an: „1. Plato seems to be considering some such definition at Theaetetus 20 I, and perhaps accepting one at Meno 98“.
URL: http://philosophyfaculty.ucsd.edu/facul ... eading.pdf

Auf der englischen Wikipedia wird dazu Alvin Plantinga zitiert: „According to the inherited lore of the epistemological tribe, the JTB [justified true belief] account enjoyed the status of epistemological orthodoxy until 1963, when it was shattered by Edmund Gettier... Of course there is an interesting historical irony here: it isn't easy to find many really explicit statements of a JTB analysis of knowledge prior to Gettier. It is almost as if a distinguished critic created a tradition in the very act of destroying it.“ Das würde bedeutet, dass JTB vor Gettier nie explizit formuliert wurde?

Kurzum:

• Wie lässt sich die Zuschreibung von JTB zu Platon rechtfertigen?
• In welchem Dokument / Schriftstück wird erstmals JTB definiert und von wem?

JoachimStiller
Beiträge: 26460
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 19:47
Wohnort: Münster
Kontaktdaten:

Re: Hoyningen-Huene: Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Beitragvon JoachimStiller » Mo 13. Jul 2015, 23:00

Tut mir leid, dass ich Dir nicht helfen kann, aber ich habe keinerlei Quellenangaben... Weder zu Platon noch in der englischen Literatur... Aber ich glaube trotzdem, das die Aussage von Honigen-Huene stimmt... Es scheint mir plausibel zu sein...

Gruß Joachim Stiller Münster


Zurück zu „Metaphysik und Erkenntnistheorie“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste

cron