Soontir-Fel hat geschrieben:
Aus der Sicht eines funktionierenden Staates, oder einer funktionierenden Gesellschaft ist Freiheit eigentlich ein Übel.
Ein funktionierendes System aus Staat und Gesellschaft beruht auf der Einschränkung der Freiheit des Einzelnen zum höheren Wohl. Demnach ist ein stabiler Staat nur dann möglich, wenn möglichst viel Freiheit unterdrückt wird. Das Gegenteil davon ist die absolute Freiheit, also Anarchie.
So verhält es sich auch auf mentaler Ebene. Die Aufklärung ist eine geistige Form der Freiheit. Durch Aufklärung lernt der Mensch zu zweifeln und torpediert damit eine funktionierende Gemeinschaft. Dieser Argumentation folgend ist die Aufklärung eigentlich eine Evolution des Individuums, aber eine Degeneration der gesamten Menschheit, da sie die Bildung stabiler Lebensverhältnisse somit verhindert.
Um ein Beispiel zu nennen: Ein Staat wie man ihn aus Romanen wie Orwells 1984 kennt ist ein stabiles System. Aus Sicht des Gemeinwohls ein perfektes System, da es keine Freiheit gibt, die den Staat unterwandern könnte. Eine Anarchie hingegen wäre ein System absoluter Freiheit, welche die Menschheit letztendlich auf Steinzeitniveau zurückfallen lassen würde. Ist Freiheit also eine zerstörerische Degeneration?
Ich glaube, dass dein Fehler in der Annahme liegt, dass es hier nur Extrem A und B gibt.
"Demnach ist ein stabiler Staat nur dann möglich, wenn möglichst viel Freiheit unterdrückt wird."
Das ist ein Trugschluß. Schon Rousseau dachte über die Freiheit im Bezug auf den Staat und seine Gesellschaft. Er definierte die Freiheit als zwangsläufig notwendig für einen glücklichen Menschen, begrenzte aber gleichzeitig die Freiheit in dem er ebenfalls erkannte, dass absolute Freiheit für ein Individuum Einschränkungen für die anderen Individuuen bedeutet, "Die persönliche Freiheit endet dort, wo sie die eines Anderen verletzt."
Und genau so kann ein stabiles System funktionieren - eine ausgeglichene Art von erforderlicher Kontrolle und absoluter Freiheit. Deshalb geht vom Neoliberalismus genau so viel Gefahr aus wie vom Faschismus, nicht zu letzt, weil ersteres aufgrund des aktuellen Menschenbildes immer in letzterem resultiert. Ein System mit gar keiner bis wenig Freiheit ist auf kurz oder lang auch kein stabiles System. Beispiele dafür hat die Geschichte genug zu Tage geführt und hat auch überhaupt erst zur Aufklärung geführt. Die Staatsidee der absoluten Kontrolle wird immer wieder aufgeführt, verletzt aber immer wieder ein Gefühl des Menschen: den Drang Grenzenlosigkeit.
In so Fern bedient der moderne Kapitalismus dieses Gefühl sehr geschickt in dem es dem einzelnen Menschen die Freiheit vorgaukelt, um ihn dann "hinterücks" einzuschränken. Der Mensch realisiert das aber nicht wie es ihm zu reaktionären Zeiten möglich war, da er trotz eingeschränkter Mittel noch der Ansicht ist letztenendes allein dafür verantwortlich gewesen zu sein - er sucht den Fehler bei sich.
Ähnlich ist es bei der mentalen Ebene. Hier kommt noch hinzu, dass Rationalismus nur eine morsche Gesellschaftsstruktur vernichten kann. Der Zweifel ist dynamisch und so muss eben auch die Gesellschaft geschaffen sein. Sie wächst mit und an dem zweifelnden Individuum.