Hallo zusammen,
ich bin nur ein Freizeitphilosoph und möchte dieses Forum nutzen, um eine Idee zur Diskussion zu stellen – eine Idee für einen Lösungsansatz. Vielleicht stellt sich dabei heraus, dass ich mich irre, vielleicht lässt sich die Sache auch gemeinsam voranbringen... Es geht um folgendes:
Seit Jahren gibt es einen Disput zwischen Philosphen und Hirnforschern über die Frage, ob der Mensch frei entscheiden kann (und damit für sein Tun und Lassen verantwortlich ist) oder ob er „von seinem Gehirn regiert wird“ – also nur Sklave seiner Gehirnprozesse ist, für die er nichts kann. Die Philosophen beharren auf der Freiheit, die Neurologen dagegen verweisen auf die bekannten Experimente von Benjamin Libet: Er hat 1979 gezeigt, dass das Aktivierungspotential für das spontane Heben eines Armes (also für die Muskelanspannung) bereits im Gehirn ausgelöst wird,
bevor der Versuchsperson ihre Entscheidung,
jetzt den Arm zu heben, bewusst wird. Diese Experimente sind später an anderen Forschungseinrichtungen wiederholt worden – immer mit demselben Resultat: Es ist tatsächlich so.
Außerdem gibt es ein grundsätzliches Argument gegen die Freiheit, den Determinismus: Alle Naturprozesse laufen so ab, dass eine (oder mehrere) bestimmte Ursache(n) immer eine (oder mehrere) bestimmte Folge(n) hat (haben). Dass das so ist, lässt sich zwar nicht beweisen, aber wäre es nicht so, könnten wir keine Naturgesetze formulieren und letztlich die Welt nicht verstehen, denn ein Phänomen verstehen heißt ja, seine spezifischen Ursachen und Folgen zu erkennen.
Ich glaube nun, eine Möglichkeit gefunden zu haben, diesen Streit zwischen Philosophie und Hirnforschung (bzw. Naturwissenschaft überhaupt) zu schlichten. Allerdings muss ich dazu verschiedene Fachgebiete mit einander verbinden (Philosophie, Physik, Biologie, Neorologie), von denen ich immer nur ein wenig verstehe – aus diesem Grund, und damit das Verbinden funktioniert, werde ich Fachbegriffe möglichst vermeiden. Dadurch wird die Darstellung mitunter umständlich werden – aber vielleicht ist das Thema trotzdem spannend genug... Ich stelle meine „Hypothese“ in mehren Teilen vor und lasse zwischendurch immer einige Zeit verstreichen, damit Einwände und Fragen vorgebracht werden können. Hier nun der erste Teil:
Unser Denken und Entscheiden vollzieht sich auf der Basis materieller Gehirnprozesse und unterliegt deshalb den Prinzipien von Kausalität und Determinismus. Wie ist Entscheidungsfreiheit möglich, wenn alle Denkschritte durch ihre Ursachen eindeutig vorherbestimmt sind? Intuitiv sind wir alle davon überzeugt, dass wir zumindest innerhalb gewisser Grenzen frei entscheiden können, was wir tun oder was wir für richtig bzw. falsch halten. Im folgenden soll gezeigt werden, dass eine solche relative Freiheit innerhalb des Determinismus möglich ist und worin sie besteht.
Ich gehe von einem einfachen Schema für den Vorgang „freie Entscheidung“ aus. Darin und auch im weiteren Verlauf beschreibe ich geistige Prozesse und materielle Gehirnvorgänge parallel. Erst am Ende werde ich an einem Modell den möglichen Zusammenhang zwischen beiden darstellen.
Die Situation, in der ich mich vor eine Entscheidung gestellt sehe, ist dadurch bestimmt, dass es für mich zwei gleichermaßen verlockende oder beängstigende Optionen A und B gibt, von denen ich eine wählen kann bzw. muss. Die Präsenz dieser Optionen im Bewusstsein denke ich mir materiell als Energien, als (elektrische) Spannungszustände im Gehirn oder einfach als „Gehirnströme“ (der Begriff „Materie“ wird hier im philosophischen Sinn gebraucht und umfasst sowohl Stoff als auch Energie).
Wie lässt sich nun der materielle Aspekt eines Entscheidungsvorgangs beschreiben? Vielleicht so: Ich entscheide mich für Option A, in dem ich zu ihrer Energie etwas hinzugebe oder der Energie der Option B etwas entgegensetze. Dadurch bekommt A die stärkere Energie und bestimmt den weiteren Ablauf des Geschehens. Das „etwas“ wäre dann eine Energie aus dem Ich, also vielleicht die „Kraft der Persönlichkeit" oder „Entscheidungskraft“. Wir wollen vorläufig einfach annehmen, dass es sie gibt und sie uns materiell ebenfalls als Spannung oder „Gehirnstrom“ denken.
Ein Mensch könnte nach diesem Schema dann frei entscheiden, wenn er in der Lage wäre, die Entscheidungskraft aufzubringen. Aber wie können wir wissen, ob dieses Schema zutrifft? Die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn beim Fällen einer Entscheidung kennen wir nicht. Wir können also nicht sagen, wie hier physikalisch (oder biologisch) eine „Kraft“ eine Wahl zwischen
zwei Optionen treffen kann, obwohl doch jedes Ereignis in der Natur – und damit auch im Gehirn – durch seine Ursachen
eindeutig determiniert ist. Das ist die Kernfrage, und sie kann zur Zeit auf direktem Weg, durch die Hirnforschung, nicht beantwortet werden. Ich werde deshalb einen Umweg gehen und versuchen, Bedingungen in der Natur außerhalb des Gehirns zu finden, die eine freie Wahl zwischen zwei Optionen zulassen. Gelänge das, dann wäre immerhin gezeigt, dass eine solche Wahl innerhalb der Grenzen des Determinismus grundsätzlich möglich ist. Ich kann dann versuchen, ein Modell zu konstruieren, in dem diese Bedingungen die Basis der Gehirnvorgänge eines Entscheidungsprozesses sind. Begeben wir uns also, gedanklich, auf die Suche:
Stellen wir uns vor, es wäre Winter und wir befänden uns in einem schroffen Gebirge. Wir beobachten, wie durch den Frost ein zentnerschwerer, länglicher Felsbrocken von einer überhängenden Felswand abgesprengt wird und auf ein darunter liegendes Plateau stürzt. Weil der Brocken hart und die Fallhöhe gering ist, bleibt er heil, und da er zufällig in fast senkrechter Position aufgekommen ist, steht er nun für einen Moment hochkant da. Seine linke Seite hat ein winziges Übergewicht, er wird also gleich in diese Richtung umfallen – aber in diesem Augenblick kommt von dort ein außerordentlich heftiger Windstoß und drückt den Felsblock ein wenig nach rechts. Nun ist das Übergewicht auf der rechten Seite, und der Felsblock fällt in diese Richtung um.
Die eben beschriebene Szene ist noch unwahrscheinlicher als ein Hauptgewinn im Lotto, aber sie ist prinzipiell möglich – der Felsbrocken muss nur genau genug im Gleichgewicht stehen und der Wind muss stark genug sein. Falls wir hier von (relativ) freier Entscheidung sprechen können (was noch zu untersuchen ist – auch den Begriff „freie Entscheidung“ werde ich später definieren), dann wäre diese relative Freiheit ein Grenzfall innerhalb des Determinismus – extrem unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Die Ursache dafür, daß der Felsbrocken umfällt, ist die Gravitation. Aber sie wirkt in diesem Fall so, dass sie den Felsblock in zwei entgegengesetzte Richtungen etwa gleich stark zieht und sich so quasi selbst blockiert. Man kann sagen: Der Felsbrocken ist (annähernd) frei, entweder nach rechts oder nach links zu kippen. Dadurch kann eine
dritte Kraft, der Windstoß, ins Spiel kommen. Dieser Wind hätte den zentnerschweren Steinblock normalerweise keinen Millimeter von der Stelle bewegt, aber weil der Stein
auf der Kippe stand, konnte der Wind über die Fallrichtung entscheiden.
Wie es aussieht, haben wir es hier also wirklich mit so etwas wie „Freiheit“ zu tun. Übrigens sind solche Konstellationen, in denen etwas „auf der Kippe steht“, nur in der unbelebten „wilden“ Natur so extrem unwahrscheinlich, in der Technik sind sie außerordentlich häufig anzutreffen – überall dort nämlich, wo etwas gesteuert wird: Denkt euch eine große Balkenwaage, auf jeder Waagschale genau ein Zentner: Ihr habt nun die Freiheit, mit wenig Kraft eine der Waagschalen zu heben oder zu senken. Oder: Ihr habt die Freiheit, ein Auto von 100 PS zu steuern, ohne die Kraft von hundert Pferden zu haben. Diese technischen Beispiele bringen uns aber nicht weiter – sie sind nur „Erweiterungen“ der menschlichen Entscheidungsfreiheit, deren Existenz ja gerade in Frage steht.
Soviel für's Erste. Im zweiten Teil werde ich den Begriff „freie Entscheidung" genauer bestimmen...
Herzlichen Gruß an alle, die sich die Mühe gemacht haben, diesen langen Beitrag zu lesen -- aber für Philosophen ist das ja kein Problem
Torsten