Zitat:
Und du willst jetzt behaupten, die Welt zerfalle nicht in Tatsachen?
Alles nur scheinbar?
Ich behaupte, dass die Zerlegung der Welt in Tatsachen nicht bei jedem Untersuchungsgegenstand das angemessene Verfahren zum Erkenntnisgewinn ist.
Es sind neben der Zerlegung in Tatsachen noch andere Zerlegungen möglich sind, die man nicht vergessen sollte.
Wenn man z.B. ein Gedicht interpretiert, basiert diese Interpretation nicht allein auf Tatsachen. Sie kann auch nicht wahr oder falsch sein. Trotzdem hinterlässt eine Interpretation den Eindruck angemessen oder unangemessen zu sein, kann schlüssig oder unschlüssig sein.
Wenn man z.B. eine Entscheidung fällt, dann ist das Tatsachenwissen weniger ausschlaggebend als Überzeugungen. Überhaupt ist das Tatsachenwissen dabei überhaupt nur dann ausschlaggebend, wenn es zu den Überzeugungen gehört.
Heutzutage lernt man in eigentlich jeder Berufsausbildung wie man diesen Beruf richtig ausübt. Ein Polizist lernt, wie er aufgebrachte Personen beruhigen kann, ein Lehrer lernt, wie er Schüler beim Lernen unterstützen kann, ein Heizungsbaumechankier lernt, wie man eine Heizung repariert. Dieses Wissen, das sie sich da aneignen, ist kein Tatsachenwissen.
In den Lehrplänen für Schulen ist heutzutage auch nicht primär die Rede von Wissen, dass sich Schüler aneignen sollen, sondern von Kompetenzen, die sie entwickeln sollen. Das Wissen ist selbst eine dieser Kompetenzen.
Es gibt sozusagen verschiedene Betrachtungsebenen. Die Ebene der Objekte, die Ebene der Vorstellungen und die Ebene der Zeichen. Wenn man nun allein an Tatsachen orientiert ist, dann bleibt man immer auf der Ebene der Objekte. Von diesem Standpunkt aus kann man Vorstellungen und Zeichen wieder als Objekte betrachten, es funktioniert aber auch anders.
Die objektive Perspektive eignet sich vor allem für Naturwissenschaften. Naturwissenschaften haben aber mit dem Sinn des Lebens nichts am Hut. Deshalb ist das Urteil, dass es keinen Sinn des Lebens gäbe, aus dieser Perspektive heraus irgendwie fehl am Platz. Wenn ich aber ein Gedicht lese von Rilke oder mir ein Bild anschaue von Michelangelo, dann rückt der Sinn plötzlich ins Zentrum der Betrachtung, wird zu etwas greifbaren. Hier geht es ja nicht um Wahrheit sondern um die Erfahrung von Sinn. Sinn ist erfahrbar. Wenn aber Sinn ein erfahrbares Objekt ist, dann ist die Behauptung es gäbe keinen Sinn schlichtweg falsch. Sinn ist halt nur von Wahrheit verschieden (was nicht heißt, dass sie nichts gemeinsam haben).