Philosophie Forum



 
Aktuelle Zeit: 22. November 2008, 00:25

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]





Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 3 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Der Geist, der stets verneint ...
BeitragVerfasst: 10. August 2006, 12:21 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 8. August 2006, 12:23
Beiträge: 22
Wohnort: Bangkok
Ich will die folgende Sequenz aus Goethe's Faust zur Diskussion stellen und euch um eure Interpretation bitten:

Nun gut, wer bist du denn?

Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
ist wer, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär's, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
mein eigentliches Element.

Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?

Bescheidne Wahrheit sprech' ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,
gewöhnlich für ein Ganzes hält -
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,
ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebahr,
das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
ein Körper hemmt's auf seinem Gange,
So, hoff' ich, dauert es nicht lange,
und mit den Körpern wird's zugrunde gehen.


Meine Fragen gehen zB in folgende Richtung:

* Wer ist er nun, der Mephistopheles?
* Steht er stellvertretend für den Menschen?
* Welches Weltbild verbirgt sich hier?
* Welches Bild des Universums liegt hinter dieser Aussage?

_________________
Vanitas vanitatum et omnia vanitas.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 12. August 2006, 15:29 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 8. August 2006, 12:23
Beiträge: 22
Wohnort: Bangkok
Ich will mich zunächst einmal auf den Mephistopheles beschränken. Ich denke auch, dass man ihn nicht isoliert sehen kann, sondern in seiner Beziehung zum Faust und somit als dessen Alter Ego oder dessen Protagonisten. Wenn Faust zuvor sagt: "... und bin so klug als wie zuvor ...", dann deutet er damit an, dass all sein Forschen, sein Wissen und seine Logik ihn in keinster Weise dem Verständnis näher gebracht haben. Er sucht daher den Zugang zum "Geistigen", zu dem, was mit dem Verstande so nicht oder nicht so einfach zu erfassen ist. Mit diesem innigen Wunsche im Herzen tritt ihm Mephistopheles entgegen, der den Faust natürlich bereits gut kennt und um dessen Seelenpein bewusst ist.

Er bezeichnet sich als Teil, da er als Mephistopheles die eine Seite der Schöpfung vertritt, was man allgemein das "Böse" nennt. Ich sehe dies jedoch nicht als das "Böse" im allgemeinen Sinne, sondern als die Polarität zwischen Ursprung und Ende, Geburt und Tod. Damit ist er Teil des natürlichen Ablaufes in dem jede Zerstörung wieder etwas Neues hervorbringt, jeder Tod wieder ein Leben schafft.

Er ist der Geist, der stets verneint. Er stellt alles in Frage, sucht nach Fehlern, sucht nach Lösungen und stellt damit auch den gesamten Ablauf von Geburt und Tod in Frage. Für ihn ist dieser Ablauf sinnlos, ohne Ziel und "besser wär's, dass nichts entstünde", denn dann müsste auch nicht ständig alles wieder absterben.

So versucht er dem Faust auch zu erklären, dass letztlich alles wieder eins sein wird, dass mit dem Untergang des Lebens im Universum auch die gesamte Existenz untergehen wird. Um dies zu erkennen, muss sich der Mensch von seiner ihm eigenen Arroganz trennen und die Suche nach Wahrheit und nicht nach Richtigkeit anstreben.

Und immer dann, wenn der Mensch sich überschätzt und sich als das Ganze versteht, immer dann, wer er danach trachtet, die Dinge logisch und mit seinem Verstande zu erklären, dann wird er keinen Erfolg haben und letztlich an sich selbst verzweifeln.

Damit hält Mephistopheles dem Faust den Spiegel vor und zeigt ihm, dass dessen Weg zu keinem Ziel führen kann, dass Faust die von ihm gesuchten Antworten nicht in der Wissenschaft finden wird. Er versucht ihm damit auch zu zeigen, dass er sich selbst zu wichtig nimmt und die Welt um ihn herum nicht mehr sieht. "Es irrt der Mensch, solang' er strebt" soll dieses verdeutlichen.

In verschiedenen Artikeln habe ich auch den Verweis auf die Hermetik gefunden, wonach Mephistopheles der Mittler zwischen den Welten ist (Hermes - Apollo) und damit zwischen der "hellen" und der "dunklen" Welt, wie dies auch Hermann Hesse in seinem Buch "Demian" benutzt.

_________________
Vanitas vanitatum et omnia vanitas.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Der Geist, der stets verneint ...
BeitragVerfasst: 13. August 2006, 15:22 
Offline
PhilMod
Benutzeravatar

Registriert: 1. August 2006, 16:26
Beiträge: 36
Wohnort: Hessen
louiz30 hat geschrieben:
* Wer ist er nun, der Mephistopheles?
* Steht er stellvertretend für den Menschen?
* Welches Weltbild verbirgt sich hier?
* Welches Bild des Universums liegt hinter dieser Aussage?


Ob diese Fragen ohne Kenntnis des Buches und dessen Inhalt beantwortbar sind? Und ob das nicht zu viel Buchinterpretation ist? ;-)


Mephistopheles ist der Gegenspieler von Gott und durch die Luzifer-Geschichte trotzdem ein Unterlegener und Bewunderer seiner Kunst. Nachdem die von Gott tolerierten Sphären Fausts Titanismus nicht befriedigt haben, sucht er Antwort auf anderen Ebenen. Wenn man den Geist, den er recht früh zu Anfang beschwört, nicht als Mephistopheles interpretiert, so sucht er als nächstes Antwort im Pantheismus, der ihm doch näher liegt, bevor er sich dann ganz dem Obskuren hingibt. Diese Form der Erkenntnis kann ihm nur Mephistopheles oder Mephisto (Teufel) näher bringen. Der Teufel gilt im Allgemeinen auch immer als Vertreter der (Woll-)Lust und Tollheit. Ebenen, die man nicht durch reine Studie aus Büchern erforschen kann und die Faust, der ja ohne Mephistopheles Hilfe alt geblieben wäre, auch wahrscheinlich nie mehr erlebt hätte. Auch die Verführung wird dem Teufel angedichtet und auch in dieser Disziplin versucht sich Faust bekanntlicherweise ja. Mephistopheles ist also nach klassischer Bibelinterpretation und Auslegung der Versucher und Verführer, versagt aber ebenfalls auch in seiner Rolle, weshalb Gott die Wette gewinnt.
Faust steht stellvertretend für einen Mensch zwischen Sturm und Drang und Aufklärung bzw. auch schon Klassik, die ja viele Aufklärungselemente wieder aufgreift. Die Erkenntnissucht als neues Bildungsmittel der Aufklärung ist in ihm genau so verankert, wie das systolisch-diastolisch Empfindsame der Stürmer und Dränger. Dieser Widerspruch zerreißt ihn förmlich, macht ihn zugleich aber auch zu einem "grauen" Charakter. Er ist geprägt durch Unebenheit im Charakter, Persönlichkeit und Psyche. Ein Element das heutzutage auch nicht allzu selten ist. Diese Spannungen werden entweder durch selbstauferlegten Druck oder Druck der Gesellschaft ausgelöst. Bei Faust war es ersteres, heutzutage ist es beides. Faust ist durch die Verwischungen der Grenzen, die durch die zwei Stilepochen entsteht, ein Mensch den man nicht eindeutig zuordnen kann.
Ob man Mephistopheles auf den Menschen beziehen kann, halte ich für fragwürdig - einzelne Elemente aber sicherlich, sonst würde er auch nicht in menschlicher Form darstellbar sein und nicht auf die Menschen eingehen können.
Das Weltbild ist auch zeitgenössisch. Es ist ein Weltbild im Umbruch, bezogen auf diese zwei konträren Dinge; Glaube an religiöse Elemente des Lebens sowie Empfindsamkeit, die verlangt nur nach Gefühl zu Leben und den Verstand als rationales (als etwas Negatives) und unmenschliches Element auszuschalten und eben genau der rationalen Erkenntnissucht. Wichtigstes und entscheidendes Element für Faust ist später dann der Titanismus, die Erkenntnissucht, das mag aber vielmehr daran liegen, dass nur die Anfänge noch in Goethe's Sturm und Drang - Phase und der Rest ausnahmslos in der Klassik entstand.
Fasse ich eine Aussage über das Universums auf und beziehe sie auf das allgemeine Behavior des Menschen, ist es relativ deckungsgleich mit den Menschen von heute. Einmal in Kontakt mit Macht in welcher Form auch immer gekommen, frisst sie sich durch den Menschen und ist unersättlich. Sie macht den Menschen parasitenähnlich. Letztendes gibt sie dem Menschen, aber doch nicht universelle Befriedigung, die er sucht, denn das kann Unersättlichkeit nicht.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 3 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron

Kontakt-Formular




Anonyme SIM-Karten | Orangensaft

Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group