Philosophie der Tragödie/ des Tragischen

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Philosophie der Tragödie/ des Tragischen

Beitragvon nasenpopel » Do 15. Dez 2011, 17:29

Hallo,

ich habe seit Neuestem eine Faszination entwickelt für die Tragödie (und im weiteren Sinn für das Tragische) unter philosophischen Gesichtspunkten, besonders in Verbindung mit dem Problem der Freiheit, mit dem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, etc. Ich habe auch schon ein paar Texte sehr verschiedener Art zu dem Thema gelesen, von Aristoteles über Schiller, Lessing, Burke etc., also Texte über die ich mehr oder weniger zufällig oder auf Raten hin gestoßen bin.
Jetzt weiß ich aber momentan nicht, wie ich weiter vorgehen soll (ich studiere zwar Philosophie, aber bei uns wird zu dem Thema leider derzeit keine Veranstaltung angeboten, und bei den Altphilologen wird sehr nah am Text gearbeitet). Ich würde gerne einen groben Überblick bekommen, wer was wann in etwa zu dem Thema gesagt hat, um mir dann Originallektüre auswählen zu können. In den mir bekannten Einführungsverlagen habe ich zu dem Thema keine Einführung gefunden, und unter denen, die ich gefunden habe, kann ich leider nicht beurteilen, was lesenswert wäre. (Und ich möchte auch nicht wochenlang nur noch EInführungen lesen...)

Kann mir irgendjemand, der sich mit dem Thema schon beschäftigt hat, vvielleicht einen Rat geben, was ich zur Einführung lesen könnte, wie ich mich sonst informieren könnte... oder gerne auch gleich Autoren nennen, die zum Tragischen etwas geschrieben haben, was lesenswert ist :).

Danke!!

Luisa
nasenpopel
 

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Re: Philosophie der Tragödie/ des Tragischen

Beitragvon Existenzphilosoph » Mo 19. Dez 2011, 18:47

Hallo nasenpopel!

Deiner „Faszination für die Tragödie (und im weiteren Sinn für das Tragische) unter philosophi-schen Gesichtspunkten, besonders in Verbindung mit dem Problem der Freiheit, mit dem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, etc.“ könnte der folgende Buchtitel entgegenkommen.

Karl Jaspers, „Von der Wahrheit“, Abschnitt: Vollendung der Wahrheit in ursprünglichen Anschau-ungen (Beispiel: Das tragische Wissen, S.915-960).

Hier ein Auszug daraus. (S.929:)

»Solche Deutungen sind dichterisch meistens kraftlos. Nur reale Daseinskräfte und nur abstrakte Geltungen geben zwar eine rational zu entwickelnde Problematik auf, zeigen sich aber nicht als anschauliche Gestalten in hinreißenden Visionen der Seinstiefe. Ihre Durchsichtigkeit erschöpft die Sache. Wenn die Unendlichkeit eines Unfaßlichen ausbleibt, so kommt am Ende doch nur Elend, nicht Tragik zur Darstellung. Diese Art eignet nur modernen Tragödien seit der Aufklärung.

2. Geschichtliche Daseinsprinzipien gegeneinander: Eine ge¬schichtsphilosophische Totalauffas-sung sieht die Verwandlung der menschlichen Zustände in einer sinnvollen Aufeinanderfolge von geschichtlichen Daseinsprinzipien, die jeweils für den Gesamtzustand, die Handlungsweise, die Denkungsart maßgebend sind. Sie lösen sich nicht plötzlich ab. Das Alte lebt noch, wäh¬rend das Neue sich entfaltet. Der machtvolle Durchbruch des Neuen muß zunächst scheitern an der Be-ständigkeit und der noch wirksamen Kohärenz des Alten. Der Übergang ist der Ort des Tragi-schen. Die großen Helden der Geschichte sind nach Hegel solche tragischen Gestalten, in denen sich die neue Idee rein, bedingungslos verkörpert. Sie gehen auf in strahlendem Glanze. Was sie eigentlich bringen, wird zunächst noch nicht bemerkt, bis das Alte die Gefahr unbestimmt fühlt und nun alle seine Kräfte sich zusammenfinden, um das Neue in der Gestalt seines gewaltigsten Re-präsentanten zu vernichten. Ob Sokrates oder Cäsar - die erste siegreiche Gestalt des neuen Prinzips wird zugleich das Opfer an der Grenze der Zeitalter. Das Alte hat sein Recht, denn es ist noch da, lebt und erweist sich in seiner reichen und geformten überlieferten Lebensverwirklichung, obgleich der Keim des Verderbens sein Absterben schon eingeleitet hat. Das Neue hat sein Recht, aber dieses ist noch nicht durch die verwirklichte Ordnung eines Gesellschaftszustandes und einer Bildung geschützt, sondern vorläufig noch wie in einem leeren Raum. Aber nur den Helden, die erste große Erscheinung des Neuen, vermag das Alte in einem letzten Krampf der Anspan¬nung seiner Kräfte zu zerstören. Die zweiten Durchbrüche, nun untragisch, gelingen. Plato oder Aristo-teles sind die glänzend Siegreichen, Verwirklichenden, durch Werk Prägenden, eine Zukunft Ge-staltenden, die selber leben im Blick auf den ersten Helden, der das Opfer war.«

Das tragische Wissen (S.915-960) ist auch in Form von Auszügen aus »Von der Wahrheit« (1948) als Einzelausgabe in der Piper-Bücherei unter »Die Sprache« und »Über das Tragische« ISB N 3-496-11129-7 erhältlich.

MfG, E.P.
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Re: Philosophie der Tragödie/ des Tragischen

Beitragvon overkott » Mi 21. Dez 2011, 23:46

Man sollte den Blick nicht zu früh verengen, sondern sich zunächst einen Überblick verschaffen, um die Tragödie richtig einordnen zu können. Als Sonderform des Dramas ist sie Teil der allgemeinen Theorie von Geschichten. Das einzig Besondere an der Tragödie ist ihr negatives Ende. Das Gegenteil dazu ist die Komödie, die nicht etwa komisch sein muss, sondern vor allem ein positives Ende hat - ein "Happy End". Darüber hinaus gibt es komplexere Mischformen.

Wesentlich für das Ende einer Geschichte ist ihr Anfang. Dieser sollte den entgegen gesetzten Wert haben. Bei einer Tragödie ist also der Anfang idealerweise positiv, bei einer Komödie negativ. Soweit ein Drama die Geschichte einer Figur erzählt, meint der positive oder negative Anfang die Umstände, in denen sich der Charakter befindet.

Normalerweise erzählt die Tragödie die Geschichte eines Bösewichts, dem es am Anfang gut geht und der am Ende seine gerechte Strafe bekommt. Umgekehrt erzählt die Komödie die Geschichte eines Helden, der anfangs im Dreck steckt, um das Problem im Finale endgültig zu lösen.

Der Mittelteil erzählt im Auf und Ab mit steigernder Intensität die Probleme der Figuren. Meist haben die Hauptfiguren Gegner und um alle Hauptfiguren sind Nebenfiguren gruppiert, die durch Handlung Eigenschaften der Hauptfigur zum Vorschein bringen sollen. Um eine starke Spannung zu erzeugen, darf der Held in der Kommödie nicht überlegen und der Antiheld in der Tragödie nicht unterlegen sein. Damit die Figuren menschlich wirken, dürfen sie nicht zu stark typisiert werden. Dazu müssen sie zu ihren hervorragenden positiven oder negativen Haupteigenschaften Nebeneigenschaften bekommen, die eine Überzeichnung abschwächt und ausgleicht.

Alles weitere ist eine Frage der Struktur der Akte. Diese hat aber nichts mehr mit den Sonderformen zu tun, sondern gilt allgemein.

Wer diese Grundideen verstanden hat, findet konkretere Hinweise zum ersten Einstieg in die Tragödie bei Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Trag%C3%B6die
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