Logik der Abwesenheit

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Logik der Abwesenheit

Beitragvon Matze » Mo 17. Jan 2011, 14:47

Ausgehend von meinem Beitrag zum Thread "freier Wille", möchte ich einmal folgenden Gedanken vorstellen.

Mir scheint, viele Begriffe unserer Sprache bezeichnen einen Abwesenheit von etwas, in dem Sinne wie etwa Frieden eigentlich die Abwesenheit von Krieg, Liebe die Abwesenheit von Indifferenz, usw. umschreibt.

Nun kommt der Geist auf die Idee, das Konzept Frieden (oder Liebe) zu analysieren und kommt zu dem Schluß: da exisitiert ja gar nichts, oder es wäre ein Konglomerat hunderter Faktoren.

Obwohl die Analyse richtig ist, wird sie nicht als gut erkannt, sondern als Mangel, d.h. irgendetwas müsse getan werden, um das Konzept in voller "Reinheit" zu ermöglichen.

D.h. es müsse ein Mechanimus gefunden werden, der die Abwesenheit dinglich zur reinen Existenz bringt (z.b. technisch).

Das heutige Paradigma ist die Liebe über das Internet: was es früher "einfach so" gab, wird heute mit immensem Kapitalaufwand technisch "ermöglicht".

Die geistige Bewegung, die das angeblich Mangelhafte endlich "voll" macht, wäre dann nichts anderes als die unermüdliche Konstruktionswut unserer Kultur.
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Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon JoachimStiller » Sa 22. Jan 2011, 08:25

@ Matze,

entschuldige bitte, aber ich war gerade abwesend.

Begriffe wie Friede, Freiheit, das Gute, das Soziale usw. lassen sich für den gewöhnlichen Verstand erheblich leichter negativ fassen und erklären. Das ist einfach so, und das liegt wohl auch in der Natur der Sache. Du kannst aber gerne hingehen, und dich einmal um eine positive Fassung bemühen. Dann würdest Du wenigstens unter Beweis stellen, dass Du ein echter Philosoph bist... Gruß Joachim Stiller Münster
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Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon Matze » Mo 24. Jan 2011, 01:12

Hallo Joachim,

ja "echter Philosoph", ich gebe zu, dass mein Text nicht unbedingt ein vollendeter philosophischer Genuß war, mir war der Gedanke erstmal wichtiger.

Ich wiederhol' noch mal, was ich über "freien Willen" schrieb:

Hat es denn nie ein Muß gegeben ?

Der "freie Wille" kann doch nur erfunden werden, wenn gleichzeitig dieses Muß ausradiert wurde.

Ich denke jetzt mal an die Aufklärung, wo das aufgezwungene Müssen des alten Regimes als obsolet erklärt werden sollte - Kraft der Erkennungsgabe des vernünftigen Geistes.

(Dort sieht man, wie ein Wunsch nach sozialer Veränderung als "Vernunft" umgedeutet wurde, wobei ich nicht sagen will, dass es kein guter Schachzug war)

Aber kommt der Geist, der sich, auch durch die Philosophie, von immer mehr Zwängen frei macht, wirklich in Bedrängnis, wenn ihm nahegelegt wird, sein Wille wär eventuell nicht "frei" ?

Könnte es nicht sein, dass das Gegenteil die Gefahr ist: wenn der Wille erstmal befreit ist (von was?), ist er auch wieder manipulierbar.

Daher mein Argument:

Die Ergebnisse der Hirnforschung stoßen auf das alte Konzept des freien Willens, re-aktivieren die Frage nach dem freien Willen, um den Willen dann objektiv-logisch an den Ort zu befördern, wo er ihrer Logik zwingend sein muß: irgendwo zwischen Neuron X und Neuron Y. Aber die Frage ob Frühstücksmarmelade oder Nutella kann ich nicht lösen, in dem ich über meine Neuronen nachdenke, sondern die Frage ist Ausdruck meines Willens, der nie frei von irgendetwas war (deswegen wird er ja Wille genannt).

D.h. das hier sichtbar werdende Muß, das ist der Irrtum, den eigenen Willen im wissenschaftlich-logischen, letztlich technischen, Sinne objektivieren zu müssen.

Ein anderer Irrtum wäre, dass der eigene Wille rein aus mir entspringt, oder ob der nicht auch vom Willen und den Vorstellungen anderer Menschen abhängt.

Paradoxerweise kann der Wille nur frei werden, solange er nicht frei ist.

Klingt zwar nett, aber ich behaupte sogar, dass es gerade das definierende Kennzeichen des Willens ist, dass er nicht frei ist.


Grüße Matze
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Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon Matze » Mo 24. Jan 2011, 01:32

Im Prinzip ist es ja schon falsch, dass der Wille durch den Geist soweit entschieden werden könnte, dass der Verstand der neue, echte Wille wäre.

Der Wille kommt immer vor dem Denken, der Verstand muß mit ihm zurecht kommen. Und er bezieht sich auf die Welt.

Es ist schön zu wissen, dass meine Neuronen sich auf die Welt beziehen, werden sie eventuell sogar von ihr beeinflusst ?

:D

Matze
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Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon JoachimStiller » Mo 24. Jan 2011, 14:48

@ Matze,

Also erst einmal bestimmt die Hirnvorschung nicht die Ergebnisse der Philosophie. Denn die Ergebnisse der Hirnforschung sind interpretatorisch absolut offen, und das letzte Wort in dieser Sache noch lange nciht gesprochen.

Frage: Warum sollte der Geist nicht den Willen zumindest mitbestimmen können. Wenn Du auf einem fliehenden Pferd sitzt, dann zügelst Du es doch auch, damit es nicht einfach ins Kraut schießt. Und so ähnlich ist es mit dem zugegebener Maßen nicht immer ganz freien Willen auch. Es ist in der Tat manchmal nur ein Tanz auf dem Vulkan. Nicht ist der Mensch nur frei, und nicht ist er nur abhängig, sondern er arbeitet mit beiden Elementen in sinnvoller Weise. Das sollte sein, so Joseph Beuys. Danke und Gruß Joachim Stiller Münster
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Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon Matze » Di 25. Jan 2011, 01:29

Das Problem ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als "harte Fakten" gelten, die Philosophie dagegen als "soft" bzw. als Geschwurbel.

Die Herausforderung wäre, dieses Verhältnis für diesen Fall umzukehren.


Frage: Warum sollte der Geist nicht den Willen zumindest mitbestimmen können. Wenn Du auf einem fliehenden Pferd sitzt, dann zügelst Du es doch auch, damit es nicht einfach ins Kraut schießt.


Es ist wohl so, dass der Wille mit dem Verstand etwas teilt, nämlich dass er auf die Welt gerichtet ist (oder von ihr angestachelt wird).

Die nicht vom Verstand gezügelte Willensenergie wäre ein reiner Impuls, der eventuell das Objekt des Willens versehentlich zerstört und sich damit selbst der Ohnmacht ausliefert.

Umgekehrt könnte der Verstand aber auch genutzt werden, den Impuls zu potenzieren .. das ist ein zweischneidiges Schwert.

Da der Mensch zu enormen Taten fähig ist (positiv wie negativ), ist es ungemein wichtig, dass eine positive Vorstellung (Illusion im besten Sinne) den Willen leitet.

Eine desillusionierte, "realistisch" orientierte Gesellschaft wird insofern zur Gefahr, oder sie verflüchtigt sich einfach im Cyberspace mit seinem Computerspielen.
Matze
 

Re: Logik der Abwesenheit

Beitragvon Matze » Di 25. Jan 2011, 01:57

Etwas weniger pessimistisch, sollte man die Dualität Wille-Verstand am besten gleich vergessen. Der Wille gewinnt nicht erst durch den "perfekten" Verstand, der durch mathemathische Abstraktion und Komplexität brilliert, an Gestalt.

Ist der Wille denn nicht auch durch den Wunsch nach Ästethik, die man nie haben, nur fühlen kann, bestimmt ?

Der Wille kann in dem Wunsch kulminieren, sich an etwas zu erfreuen, dass nur solange existiert, solange der Wille nicht darauf gerichtet ist, der Wille sublimiert sich an der inspirierenden Vorstellung, um sich daraufhin wieder neu zu gewinnen.

Ich denke mal, dass wäre der wichtige Punkt: eine Fixierung auf "das Objektiv-Reale" unterdrückt die mögliche Wellenbewegung zwischen imaginärer Vorstellung der Welt und realem Austauschs mit der Welt.

Es ist eigentlich paradigmatisch, dass der objektive Ultra-Realismus begleitet wird von der totalen Imagination des Cyberspaces/Internets, oder dem Wiederaufleben der Religiösität, d.h. der Austausch der Positionen des Realen und des Imaginären hat sich zu zwei Extrempositionen verengt, zwischen denen aufgrund ihrer Unvereinbarkeit nur noch wenig Austausch möglich ist, die daher allein "für sich" existieren müssen.
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