von janos » Fr 23. Dez 2011, 19:43
Hallo Philofax! Mit Nietzsche komm ich immer nicht ganz klar. Propagiert der enthemmten Sozialdarwinismus, oder beschreibt er ihn nur? Er sagt ja nicht, dass er selber für die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken ist, sondern lässt jemand Anderen das sagen (Zarathustra). In einer anarchistischen Gesellschaft sollte, denk ich, eine Umdefinierung der Rolle des Starken stattfinden. Der Starke sollte aber nicht in seiner Stärke beschränkt werden, wie Nietzsche es immer wieder unterstellt und bemängelt. Sondern die Aufgabe des Starken könnte Großzügigkeit und Förderung der Schwachen sein, Hilfe zum Starkwerden, der Lohn Dank und Anerkennung (Status, Geld, Gunst schöner Frauen/Männer...). Wie, denkst Du, müssten die 10 Gebote umdefiniert werden? Ich denke, nicht ihr Inhalt sollte umdefiniert werden, den finde ich gut (ausser das mit dem einen Gott, warum sollte es nicht Millarden Götter geben?). Was umdefiniert werden sollte, wäre für mich ihre Herkunft. Ethik und Moral sind Grundeigenschaften des erwachsenen, sozial gebildeten Menschen (Bezug: Kohlberg: "Die Psychologie der Moralentwicklung"). Religiöse Führer haben sie geraubt und ihren Marionetten übergeben, zur Machtausübung. Bis heute gilt im Christentum das Dogma, dass der Mensch nicht gut sein kann, nur Gott, und wenn der Mensch doch gut ist, bringt es nichts, das einzige, was was bringt, ist Gottes Gnade. Welche Entfremdung der Moral, und welche Manipulationsmöglichkeiten für Machthaber. Echt schlau. Du hast geschrieben, dass die Leute Anarchismus nicht wollen, weil sie Angst vor Freiheit und Ungewissheit (war das das Wort, ich hab grad keinen Zugriff) haben. Also. Anarchisten lehnen ja den Staat ab. Das würde ich nicht tun, bin also kein Anarchist. Aber ich bin für eine egalitäre Gesellschft. Also für einen Staat, der die Angst vor der Ungewissheit nimmt, vor dem sozialen Abstieg, der Armut, die Angst vor der Engültigkeit des eigenen Versagens, die Angst vor dem Tod ohne hinreichend gelebt zu haben. Wie kann ein Staat aber nur ein Geberstaat sein, ohne auch zu nehmen? Es will ja alles finanziert werden. Da sind, siehe oben, die Starken gefragt. Wer kann, der soll. Finanzieren. In einer guten Gesellschaft (die muss nicht egalitär sein), da klappt das. In einer schlechten Gesellschaft nicht. Da nimmt jeder, was er kriegen kann, und rennt dann weg. Nun die Frage: Wie macht man eine Gesellschaft gut (Gut bedeutet keineswegs anarchistisch, es bedeutet lediglich, dass der Traum vom Anarchismus blüht) ? Es ist der Glaube. Der an Verbesserung, an das gelobte Land, an die Sonneninseln, auf denen es keine Sklaverei gibt, an die Liebe. Glaube an die Menschen und an Dich statt an einen einsamen, neidischen, strafenden Gott.