Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » Fr 23. Dez 2011, 16:44

@ Janos
Leider regelt sich nichts von selbst. Der vernunftbehaftete und sozial gerechte Automatismus, den Du Dir vorstellst, existiert nicht.

Anarchie wäre (wenn überhaupt) nur partiell möglich, und dann müsste unbedingt ein kompletter, ethischer Paradigmenwechsel stattfinden. Es müsste jegliche, insbesondere religiöse Moral, ausgemerzt werden, soll heißen: Die Aspekte der 10 Gebote müssten völlig neu beleuchtet werden; Verletzen, Töten, Stehlen und der Status der Eltern müssten zum Beispiel in ein komplett anderes Licht gerückt werden. Obwohl ein großer Philosoph wie Nietzsche gewisse Moralvorstellungen bereits gedanklich relativiert hat und ein Sartre anarchistischen Vorstellungen sogar eine gewisse „Eleganz“ verliehen hat, scheint der Mensch in aller Konsequenz, den Anarchismus nicht zu wollen. Wie ich meine, ist es wohl vorwiegend die Angst der Menschen vor der Freiheit und der Ungewissheit.
philophax
 
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » Fr 23. Dez 2011, 19:43

Hallo Philofax! Mit Nietzsche komm ich immer nicht ganz klar. Propagiert der enthemmten Sozialdarwinismus, oder beschreibt er ihn nur? Er sagt ja nicht, dass er selber für die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken ist, sondern lässt jemand Anderen das sagen (Zarathustra). In einer anarchistischen Gesellschaft sollte, denk ich, eine Umdefinierung der Rolle des Starken stattfinden. Der Starke sollte aber nicht in seiner Stärke beschränkt werden, wie Nietzsche es immer wieder unterstellt und bemängelt. Sondern die Aufgabe des Starken könnte Großzügigkeit und Förderung der Schwachen sein, Hilfe zum Starkwerden, der Lohn Dank und Anerkennung (Status, Geld, Gunst schöner Frauen/Männer...). Wie, denkst Du, müssten die 10 Gebote umdefiniert werden? Ich denke, nicht ihr Inhalt sollte umdefiniert werden, den finde ich gut (ausser das mit dem einen Gott, warum sollte es nicht Millarden Götter geben?). Was umdefiniert werden sollte, wäre für mich ihre Herkunft. Ethik und Moral sind Grundeigenschaften des erwachsenen, sozial gebildeten Menschen (Bezug: Kohlberg: "Die Psychologie der Moralentwicklung"). Religiöse Führer haben sie geraubt und ihren Marionetten übergeben, zur Machtausübung. Bis heute gilt im Christentum das Dogma, dass der Mensch nicht gut sein kann, nur Gott, und wenn der Mensch doch gut ist, bringt es nichts, das einzige, was was bringt, ist Gottes Gnade. Welche Entfremdung der Moral, und welche Manipulationsmöglichkeiten für Machthaber. Echt schlau. Du hast geschrieben, dass die Leute Anarchismus nicht wollen, weil sie Angst vor Freiheit und Ungewissheit (war das das Wort, ich hab grad keinen Zugriff) haben. Also. Anarchisten lehnen ja den Staat ab. Das würde ich nicht tun, bin also kein Anarchist. Aber ich bin für eine egalitäre Gesellschft. Also für einen Staat, der die Angst vor der Ungewissheit nimmt, vor dem sozialen Abstieg, der Armut, die Angst vor der Engültigkeit des eigenen Versagens, die Angst vor dem Tod ohne hinreichend gelebt zu haben. Wie kann ein Staat aber nur ein Geberstaat sein, ohne auch zu nehmen? Es will ja alles finanziert werden. Da sind, siehe oben, die Starken gefragt. Wer kann, der soll. Finanzieren. In einer guten Gesellschaft (die muss nicht egalitär sein), da klappt das. In einer schlechten Gesellschaft nicht. Da nimmt jeder, was er kriegen kann, und rennt dann weg. Nun die Frage: Wie macht man eine Gesellschaft gut (Gut bedeutet keineswegs anarchistisch, es bedeutet lediglich, dass der Traum vom Anarchismus blüht) ? Es ist der Glaube. Der an Verbesserung, an das gelobte Land, an die Sonneninseln, auf denen es keine Sklaverei gibt, an die Liebe. Glaube an die Menschen und an Dich statt an einen einsamen, neidischen, strafenden Gott.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » Sa 24. Dez 2011, 05:10

Hallo Janos:
Also von Propaganda möchte ich bei Nietzsche selbst nicht reden. Das haben sich dann leider die Nazis vorbehalten, mit der Rechtfertigung, dass schließlich ein kluger, deutscher Kopf dahinterstecke. Nietzsche ist sicher einer, bei dem man viel zwischen den Zeilen lesen muss, so wie zum Beispiel bei seinem Ausspruch „Gott ist tot“. Nietzsche sah sich eher als Gesellschaftstheoretiker und- Kritiker und nicht als aktiver Ausführender. Im Zuge seiner späteren Syphilis-Krankheit hat er einige Aspekte seines Sozialdarwinismus wieder relativiert, da er selbst immer schwächer wurde.

Das Dilemma beim Menschen ist, dass er Stärke und Schwäche nicht nur wertfrei als körperliche und geistige Attribute ansieht sondern ihnen stets auch eine Funktion und eine Position zuspricht: Wer stark ist, wird zum alles bestimmenden Führer, und wer schwach ist, hat nichts zu melden und rangiert unter ferner liefen. In einer anarchischen Gemeinschaft, die sozial funktionieren soll, müsste sich ein selbstverständlicher Automatismus ausbilden, bei dem Stärke nicht dazu dient, den Potenteren aufzuwerten, sondern dass die Gemeinschaft zum maximalen Glück eines jedes einzelnen beiträgt. Ja, im Prinzip ein völliges Umdenken.

Du fragst: „Wie, denkst Du, müssten die 10 Gebote umdefiniert werden?“
Bei meiner Antwort darauf, schlüpfe ich mal in eine reine Theoretikerrolle und lege für einen Moment alle übliche Moral ab:
Auf der einen Seite gibt es so etwas wie den „Reiz des Unerlaubten“; einigen Menschen gibt die Illegalität die Gelegenheit, sich eine gewisse Macht und ein reizvolles Abenteuer zu verschaffen: Sie wollen reißende Wölfe sein.
Auf der anderen Seite gibt es die „zahmen Schafe in der Herde“, die praktisch (bewusst oder unbewusst) signalisieren, dass sie schwache Opfer sind, ja sogar schwache Opfer sein wollen, denn dann werden sie von der Herde in die schützende Mitte genommen, und das beruhigt sie. Diese Menschen, ich nenne sie gerne dumme Fatalisten, sollten sich nicht wundern, wenn sie dann auch als Beuteopfer angesehen werden und von allen möglichen Seiten angegriffen werden.
Was den Bezug zu den 10 Geboten angeht, stelle ich nun die generelle Frage: Wer hat schuld, der Wolf oder das Schaf ? Der Wolf ist eben ein Wolf, und er tötet Beute, die sich eben wie Beute verhält. Vielleicht sollte das „dumme“ Schaf sich nicht wie ein schwaches Opfer in der Mitte der Gemeinschaft verkriechen, sondern an vorderster Front ein entschiedenes Gesicht und seine Hörner zeigen. Ich könnte zudem in diesem Zusammenhang jetzt beim Thema „Stehlen“ noch sagen: Gelegenheit macht Diebe …

Du sagst: „Anarchisten lehnen ja den Staat ab.“
Ja, das allerdings tun nur dumme, chaotische Anarchos. Wer das Thema etwas intelligenter und dezidierter angeht, der weiß, dass, wo auch immer Menschen zusammenkommen, stets ein Staatsgebilde entsteht. Ergo kann es immer nur eine mehr oder weniger anarchische Gesellschaftsform geben, die aber am Ende immer in einen Staat mündet oder staatsähnliche Züge besitzt.

Du sagst auch: „In einer guten Gesellschaft (die muss nicht egalitär sein), da klappt das. In einer schlechten Gesellschaft nicht.“
Eine Gesellschaft oder Gesellschaftsform ist objektiv dann gut, wenn sie lange Bestand hat. Bisher hat da - gesamtgeschichtlich betrachtet - LEIDER die Monarchie die Nase vorn (Das ist übrigens ein sehr schlechtes Zeichen !). Sozialismus und Kommunismus werfen nach und nach das Handtuch, und dem monetaristischen Kapitalismus geht es auch bald den Kragen. Ist das vielleicht die Chance für die gemäßigte Anarchie ? Wer weiß ?!
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » So 1. Jan 2012, 00:22

Hallo Philofax und alle LeserInnen! Gemäßigter Anarchismus hört sich gut an. Ein Staat, wie wir ihn haben, der aber immer dort zurücktritt, wo sich gerecht funktionierende selbstorganisierte Strukturen bilden. Der aber immer dort eingreift, wo außerstaatliche Strukturen ungerecht werden. Mit "gute Gesellschaft" hab ich nicht gut im Sinne von funktionsfähig gemeint, sondern im utilitaristischen Sinne von das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen bewirkend, sowie im Kantschen Sinne: Gut ist, was mit gutem Willen so geregelt ist, dass der, der regelt, wollen kann, dass der Grundsatz der Regel zum allgemeinen Naturgesetz wird (Kategorischer Imperativ). Beim Utilitaristischen Prinzip (Mills) hapert es daran, dass es die Diskriminierung von Randgruppen nicht ausschliesst. Der Kategorische Imperativ von Kant hat die Schwäche, dass man ihn in vielen Dilemma-Situationen nicht anwenden kann. Diese beiden Prinzipien (von Millls und Kant) sind meiner Meinung nach die beiden wichtigsten Kriterien um zu entscheiden, was gesellschaftlich "gut" ist. Beide Prinzipien sind aber lückenhaft und nicht in jeder Situation eindeutig anwendbar. Das bedeutet, finde ich: Es braucht für Entscheidungen immer die Menschen, imer eine demokratische Struktur zur Entscheidungsfindung. Gut so, oder? Prinzipien können nicht über den Leuten stehen. Zum Thema Wölfe und Schafe, Räuber und Opfer finde ich: Das ist ein stark psychologisches Thema. Ich denke nicht, dass manche Leute eher Wölfe sein wollen, andere eher Schafe, von ihrer Natur her. Denke eher, dass alle geliebt und anerkannt werden wollen. Manche haben gelernt, dass sie eher durch Raubtierverhalten Anerkennung erzwingen können und Andere haben gelernt, dass sie nur anerkannt werden, wenn sie sich unterwürfig als Opfer präsentieren. Insofern schlage ich für den gemäßigten Anarchismus vor, dass es als eine der ersten Maßnahmen Gratis- Psychotherapie bzw. Coaching für alle gibt. Also: Frohes neues Jahr und gemäßigt anarchistische, aber ungemäßigt liebe Grüße! Janos.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » Mo 2. Jan 2012, 09:01

Hallo Janos !
Wie ich bereits erwähnte, muss man sich beim Wunsch nach Anarchismus (in welcher praktischen Form auch immer) von den bisherigen, meist religiös geprägten Moralvorstellungen gänzlich verabschieden. Der Begriff „gut“ würde neu definiert werden müssen und zwar - bezüglich einer neuen Gesellschaftsform - wohl vielmehr zweckgebunden als individuell wohlwollend oder entgegenkommend.

Was könnte also in einer neuen, funktionierenden Gesellschaftsform dann „gut“ bedeuten ? Streng genommen müsste die oberste Devise heißen: Die Gemeinschaft ist alles, das Individuum ist nichts. Aber genau das dürfte die Vorfreude der meisten Anarchie-Freunde gewaltig trüben, denn es würde völlig different laufen als es sich diese Menschen vorstellen. Eine autonom funktionierende Gemeinschaft verlangt stets eine große (Eigen-)Disziplin, sonst scheitert sie oder verändert sich genau ins Gegenteil von dem, was sie ursprünglich ausmachen wollte. Ein gutes Beispiel dafür sehe ich bei den Chinesen: China ist mittlerweile zum Superkapitalismus übergegangen, der kommunistische Urgedanke hat, wenn überhaupt, nur noch Pro-forma-Charakter.

Wie auch immer, ich selbst halte es da lieber mit dem „Privaten Anarchismus“ im kleineren Rahmen: Ich mache, was und wann ich will und sehe zu, das ich dabei den anderen keinen Schaden zuführe …

Grüsse

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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » Di 3. Jan 2012, 22:40

Hallo Philofax! Wieso denkst Du, dass in einem Anarchismus das Gemeinwohl über dem Individuum stehen sollte? Die Gemeinschaft ist alles, das Individuum nichts, das hört sich eher nach Kommunismus an. Bei den Anarchisten gibt es als Gegenbeispiel Max Stirner, der hat jede Idee von Gemeinwohl komplett abgelehnt, und das Individuum total vergöttert. Ich finde den doof. Ich finde nicht, dass man sich, nur weil man vielleicht Anarchist sein möchte, für einen der Pole "Individuum" oder "Gemeinschaft" entscheiden muss. Das Wort "Anarchismus" hört sich zwar irgendwie radikal und brachial an. Es gab und gibt bei denen ja auch Bombenleger, aber die gibt es bei Demokraten auch, ich meine, wieviele Zivilisten sind in Afghanistan schon umgekommen aufgrund von Bomben der demokratischen Amerikaner und auch der Deutschen. Es gibt auch viele friedliche Graswurzel-Anarchos. Ich bin am Ehesten für Proudhon, der wäre heutzutage wohl als Sozialdemokrat zu bezeichnen, hat sich für Genossenschaften ausgesprochen. Ich finde, es ist ja heute erlaubt, nicht nur Wohnungsbaugesellschaften, sondern auch Fabriken und Dienstleistungsunternehmen als Genossenschaften zu gründen. Man kann das machen, dann braucht es überhaupt keine Gewalt und keine Revolution, um die Gesellschaft basisdemokratischer also anarchistischer zu machen. Was ich überhaupt nicht finde, ist, dass man Moral und Ethik neu definieren sollte. Ich glaube nämlich nicht, dass der Unterschied zwischen "Gut" und "Böse" geschichtlich-kulturell entstanden ist. Sondern, wie bei Kant, apriorisch in der Vernunft, der Logik, begründet, sowie in der Natur des Menschen, mit seinem Gewissen und seinen Spiegelneuronen, also, dass Menschen, anders als Eidechsen, zu Empathie fähig sind, und dazu, über alles zu reflektieren. Es gibt vielleicht typisch kapitalistische Ethik-Versatzstücke, die man über Bord werfen sollte: Der Glaube an die unsichtbare Hand (Adam Smith), die Idee, dass in der Wirtschaft Mitgefühl fehl am Platz ist, die calvinistische Wertschätzung eines Menschen anhand seines Besitztums. Aber so denken die Leute vielleicht mehr in China, und wenn der Dollar abstürzt, können die auch nichts mehr mit ihrem Kapitalismus anfangen, dann kommt vielleicht wieder so ein Mao und eine Kulturrevolution. Hoffentlich nicht.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon Schroederbach » Di 3. Jan 2012, 22:41

Hallo,
mein Vorschlag für echte Demokratie - das Losverfahren
Demokratie heißt Herrschaft des gesamten Volkes, also nicht ausschließliche Herrschaft der Mehrheit .
Auch die Minderheit: - Andersdenkende, Außenseiter, und Schwächere usw.- soll politisch mitgestalten können.
Mein Vorschlag ist daher folgendes Wahlverfahrens:
Eine Abstimmung läuft als geheime Wahl, nur werden die Stimmen nicht ausgezählt, sondern es wird eine Stimme gezogen - diese entscheidet.
Die Mehrheit hat die höhere Wahrscheinlichkeit gezogen zu werden, es gibt aber das Korrektiv dass auch die Minderheit über das Los gewählt wird und mitgestalten kann.
Wir alle kennen undemokratische Prozesse und Strukturen Sie würden durch dieses Wahlverfahren deutlich reduziert werden.
LG
Martin
Zuletzt geändert von Schroederbach am Mi 4. Jan 2012, 13:18, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » Mi 4. Jan 2012, 04:43

Hallo
Bei einem einigermaßen funktionierenden Anarchismus sollte das Gemeinwohl nicht nur über dem Individuum stehen, das MUSS es zwangsläufig, denn wir sprechen ja nicht nur über ein Grüppchen von 10 bis 20 Personen (und oft ist es da schon schwierig, die Bedürfnisse des Einzelnen voll zu berücksichtigen). Unter Umdenken verstehe ich nicht nur die allgemeine Moral sondern auch das “Sich-Zurücknehmen”, insofern, dass nicht mehr die eigenen (egoistischen) Bedürfnisse glücklich machen sondern nur noch die Integrität in der Gesellschaft, nach der Devise: Ich tue nicht mir alleine etwas gutes, um zufrieden zu sein, ich tue der Gemeinschaft etwas gutes, und erst DAS verschafft mir Glück.

Das mit dem Kommunismus ist gar nicht so abwegig. Selbst Marx hat in seinem Progressionsmodell den Anarchismus als die logische Endstufe/Folge des Kommunismus beschrieben: Sozialismus - Kommunismus - Anarchismus.

Ich selbst halte nicht viel von der langen, evolutionären Entwicklung zum Anarchismus, denn ich will eine gewisse Anarchie noch in diesem Leben genießen. Ich bevorzuge eher den “persönlichen Anarchismus” als den politischen. Deshalb stehe ich dem Existenzialismus nahe, dessen Grundgedanke ist: Ich bin, also bin ich mit allen, uneingeschränkten Freiheiten und realisierbaren Phantasien. Ich muss dabei eben nur die Konsequenzen ertragen können.

Grüsse

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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » Sa 14. Jan 2012, 02:33

Das ganze ist bestimmt dialektisch auflösbar durch die Erkenntnis, dass man als Individuum niemals isoliert ist, weil man nur in Kommunikation mit dem Kollektiv existieren kann, sich auch nur in der Kommunikation als Individuum begreifen kann. Man ist also existentialistisch in die Welt reingeworfen, aufstehen muss man selber. Und mit der Umwelt klarkommen. Das ist der Status Quo, den der Existentialismus beschreibt. Aber die Frage bleibt, was für eine Staatsform und was für eine Wirtschaftsform und was für eine moralisch-ethische Glaubensgemeinschaft und was für eine Wertegemeinschaft wäre geeignet, um eine Freundschaft zwischen dem Schaf und dem Wolf zu ermöglichen. Dazu taugt nur der Anarchismus, weil er alleine das Schafs- und Wolfstum deinstitutionalisiert, ihm seine jeweilige Umsetzbarkeit in politische Positionen nimmt , und es als das darstellt, was es ist: Psychisches Temperament, das zu nichts berechtigt und auch nicht entrechtet. Das ist Gerechtigkeit, dass das Recht eines Menschen sich nicht aus seinem Schein, seinem Temperament ableitet, sondern einerseits aus seinem Natur/Geburtsrecht als Mensch und andererseits aus dem, was er aus gutem Willen heraus für sich und andere tut.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » So 15. Jan 2012, 20:10

Ich glaube, das Hauptproblem der Umsetzbarkeit des Anarchismus ist, dass er immer noch als „politisches System“ angesehen und interpretiert wird. Sähe man den Anarchismus vielmehr als eine „freie Geisteshaltung mit gemeinschaftlicher Verantwortung“, dann würde sich jeder automatisch integer verhalten und trotzdem soweit wie möglich seine Individualität pflegen können - und zwar das alles der „guten Sache“ an sich zuliebe. Das aber setzt voraus, dass den Anarchismus unbedingt alle wollen und auch gleichsam verstehen.

Das Wesen des Anarchismus in seiner Realisation sollte eben nicht mehr „politisch“ sein.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » Mo 16. Jan 2012, 21:09

Da stimme ich voll zu. Ein herrschaftsfreies Gemeinwesen oder herrschaftsfreie Kommunikation und Zusammenarbeit ist kein politisches Konzept, weil das Konzept "Gerechtigkeit" apriorisch begründet ist und damit selbsterklärend und selbstberechtigend. Es basiert also nicht auf einer bestimmten politischen Methodik oder Dogmatik. Damit Gerechtigkeit sich aber entfalten kann, ist die Abwesenheit bestimmter kranker politischer Konzepte notwendig. Vor Allem ist es notwendig, dass, wie gesagt, psychische Dispositionen vom herrschenden System nicht sanktioniert und institutionalisiert werden. Beispiel: Bei den Nazis wurden die psychischen Dispositionen "Psychopath", "Sadist" und "Radikaler Verlierer" gefördert und in das Gesellschaftssystem integriert, mit den bekannten Folgen. Heute gibt es zwar diese psychischen Dispositionen immer noch, aber die Psychopathen werden möglichst weggesperrt, die Sadisten können sich in SM-Studios gefahrlos ausagieren, und die radikalen Verlierer können sich als Hooligans prügeln oder "World of Warcraft" spielen, aber es gibt keine SA mehr, in der sie ungestraft Schaden anrichten können. Die psychische Disposition, die heutzutage gefördert und institutionalisiert wird, ist die des narzisstisch Gestörten. Chefs, also "Entscheider" haben meist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Damit richten sie viel Schaden und Leid an. Ich finde, es sollte zwielichtige Etablissements und Computerspiele (Second capitalist life) für solche Leute geben, ähnlich, wie es SM-Studios für Sadisten und World of Warcraft für Radikalverlierer gibt. Aber es sollte für Leute, die finden: "Ich bin der Geilste, will bestimmen und Untergebene haben, die nach meiner Pfeife tanzen", keine gesellschaftlich hochgeachtete Institution mehr geben, wie das freie Unternehmertum, oder die Ermächtigung dessen, der den Rahm abschöpft, CEO, Geschäftsführer, Manager oder wie das heisst. Administration ist nichts als eine Dienstleistung unter anderen, sie muss transparentisiert werden und ihres Glorienscheines, ihrer Privilegien und ihrer um Größenordnungen zu hohen Gehälter beraubt werden.
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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon philophax » Mi 18. Jan 2012, 17:49

Hallo Janos !
Tja, da stellt sich nur die Frage, ob sich im Anarchismus nicht wieder eine nutznießerische Elite hervorheben würde, die dann aufs Neue eine Alpha-Funktion übernimmt. Und dann ist noch eins ganz sicher: Es würde sich auf jeden Fall eine Opposition (wenn auch nur eine gedankliche) bilden, denn Kritiküben liegt in der Natur des denkenden Menschen. Also müsste man den Anarchismus so gestalten, dass weitgehend alle kritiklos glücklich sind: Eine Utopie ? Prinzipiell ist es im Moment ja so, dass die Menschen in unserer Gesellschaft sich folgendes unter „Glücklicher Zufriedenheit“ vorstellen:

- Mehr haben als genug
- Nur materielle Leistung zählt: „höher - schneller - weiter“
- Am besten überall und immer absolute Sicherheit haben
- Besser sein als andere
- Stets Hilfe von der Gemeinschaft erhalten, ohne aber selbst Verantwortung zu übernehmen
- Die Initiative und Leitung der Obrigkeit überlassen, denn das ist schön bequem

Hier möchte ich versuchen, entgegenkommende Maxime und direkte Antworten, in Form einer persönlichen Ansprache, nach meiner Vorstellung darzustellen:

- Du wirst im Anarchismus immer mehr haben, als du brauchst, weil sich niemand mehr zu deinen Lasten bereichert.

- Dein Dasein in der Gemeinschaft ist Leistung genug, denn du bringst Dich selbst automatisch ein, und trägst auf jeden Fall dadurch immer etwas bei.

- Es ist genug für alle da, niemand wird dich übervorteilen. Jeder einzelne hier hat Sehnsucht nach friedlicher Koexistenz.

- Jeder einzelne ist hier “Der Beste”, weil der Anarchismus die höchste intellektuelle Form des geistigen und praktischen Lebens ist. Also, besser geht’s nicht.

- Jeder steht hier dem anderen so gegenüber, wie er selbst am besten behandelt werden will. Das Interesse eines jeden liegt in der Zufriedenheit des anderen, so wird dir stets geholfen.

- Es gibt keine leitende Institution, nur eine beratende. Du bist dein eigener Herr, hier existieren nur eigene Herren, und viele eigene Herren ergeben eine unbesiegbare Herrschaft.

Grüsse

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Re: Hierarchie/Macht/Frage an philosophisch Interessierte

Beitragvon janos » Sa 21. Jan 2012, 00:31

Das hast Du gut nebeneinander gestellt, finde ich, die Bedürfnisse und ihre Erfüllungen in einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Als Voraussetzung dafür sehe ich eigentlich nicht viel mehr als den Konsens, dass Rangordnungen und Alphastatusse ins Tierreich gehören und nicht in die menschliche Gesellschaft. Wenn dann einige sich doch wieder zum Aphamännchen aufblasen, wird das nicht so gefährlich sein, weil die Anderen ihnen gewaltlos aber glaubhaft mitteilen werden, dass das nicht gut ankommt. Die andere Gefahr ist, dass alle sich zurücklehnen und niemand mehr Verantwortung übernehmen will. Aber ich denke, dass das nicht der Natur des Menschen entspricht, denn die Meisten wollen ja Anerkennung und sich sinnvoll einbringen. Das sieht man ja z.B. am Internet: Viele programmieren und schreiben da was ohne finanziellen Nutzen (Linux, Wikipedia,...). Was im virtuellen Bereich schon geht, muss man nur noch in der materiellen Welt auch machen, oder?
Viele Grüße!
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