SPIEGEL-STREITGESPRÄCH
Das Hirn trickst das Ich aus
Neurobiologe Gerhard Roth und Moraltheologe Eberhard Schockenhoff über neue
Zweifel an der Entscheidungsfreiheit des Menschen, umstrittene Erkenntnisse der
Hirnforschung und die Folgen für das Strafrecht
SPIEGEL: Herr Roth, verfügen Brautleute über einen freien Willen, wenn sie vor
dem Traualtar bekunden: "Ja, ich will"?
Roth: Auch in einem solchen Augenblick ist der Mensch nicht wirklich frei.
Womöglich wird er von psychischen Extrembedingungen beherrscht: Er ist
wahnsinnig verliebt und handelt praktisch im Affekt. Es kann aber auch sein,
dass er sich Fragen gestellt hat: Heirate ich Frau Müller oder doch lieber Frau
Meier? Soll ich überhaupt heiraten? Dann kann es schon mal zum langwierigen,
quälerischen Hinund-her-Abwägen Hunderter Argumente kommen.
SPIEGEL: Immerhin wäre der Mensch demnach nicht nur seinen Trieben ausgeliefert.
Können sich die Brautleute denn mit kühlem Kopf frei füreinander entscheiden?
Roth: Nein, auch das nicht. Die Natur gibt einem nicht die Freiheit mit, sich
für Frau Meier und gegen Frau Müller zu entscheiden. Experimente zeigen, dass
jeder Entscheidung, und halten wir sie noch so sehr für unseren eigenen Willen,
zuvor wichtige Vorentscheidungen vorausgegangen sind - und zwar unbewusst. Wir
bekommen davon überhaupt nichts mit. Warum sich Herr Müller für Frau Müller
entscheidet, ist für Forscher im Prinzip Schritt für Schritt nachvollziehbar: Da
wären zunächst einmal die Gene, die das Temperament eines Menschen weitgehend
festlegen; dann prägen frühkindliche Einflüsse spätere Entscheidungsmuster und
schließlich die Erfahrungen aller Lebensjahre. In einer Hochzeitszeremonie
spiegelt sich kein Wille, der bedingungslos frei wäre.
SPIEGEL: Dann wären Hirnwissenschaftler ja optimale Heiratsvermittler, wenn sie
so genau nachweisen können, wer sich aus welchen Gründen für wen entscheidet.
Roth: Nun, dafür ist das Gehirn zu komplex. Ich habe kürzlich erstmals
ausrechnen können, wie viele Neuronen im Gehirn tatsächlich arbeiten, und bin
auf 14 Milliarden gekommen; diese sind über fast eine Trillion Synapsen
miteinander verbunden. Es wäre deshalb völlig vermessen zu behaupten, wir
könnten vorhersagen, wie es in einem solchen Netzwerk zu einer Entscheidung wie
einer Heirat kommt. Doch im Nachhinein können wir dies mit entsprechendem
Aufwand rekonstruieren.
Schockenhoff: Da machen Sie es sich zu einfach! Sie reduzieren einen so
komplexen Bewusstwerdungsvorgang wie das Heiratsversprechen
auf einen physikalischen Vorgang, bei denen Nervenzellen elektrische Ladungen
abfeuern - und behaupten dann, die Freiheit, dies oder das zu tun, sei eine
bloße Illusion. Sie verkennen die Fähigkeit des Menschen, sein Handeln an
Gründen zu orientieren und Alternativen abzuwägen. Im Falle der Ehe geht eine
lebensgeschichtliche Vorbereitungsphase voraus. Doch Sie sehen den Menschen nur
als einen Zufallsgenerator, der verschiedene Bewegungen ausführt.
Roth: Es lässt sich in Experimenten aber immer besser zeigen, in welchem
Verhältnis diese physiologischen Prozesse mit bewusstem Erleben zusammenhängen.
Dem bewussten Formulieren eines Wunsches, eines Willens, geht immer ein
unbewusster Prozess voraus. Im Gehirn lassen sich Erregungszustände nachweisen,
die eine Handlung ankündigen - bevor der Mensch sich dessen bewusst ist, dass er
überhaupt handeln will. Das sind empirische Befunde, die in Hunderten Laboren
bestätigt werden. Daran kommen Sie nicht vorbei.
Schockenhoff: Sie fragen aber nicht nach den Gründen, die den Menschen bewegen.
Und da machen Sie einen Kategorienfehler. Erinnern wir uns an ein berühmtes
Beispiel aus der Philosophie, von dem Plato berichtet: Sein Lehrer Sokrates
sitzt im Gefängnis und hätte die Chance zu fliehen. Dennoch entscheidet er sich
dafür, hinter Gittern zu bleiben. Man könnte nach den Ursachen fragen und
antworten: Er bleibt, weil sich seine Knochen und Sehnen nicht bewegen. In
seinem Gehirn war auch keinerlei Erregungszustand
zu beobachten. So ließe sich sein Handeln als physikalisches Geschehen
beschreiben. Ein anderer Ansatz wäre, dass Sokrates sich als Philosoph der
Wahrheit verpflichtet fühlt. Er möchte seinem Gewissen folgen und die Gesetze
des Staates achten. Das ist eine Antwort, die nach Gründen für sein Handeln
fragt.
Roth: Das Sokrates-Beispiel gefällt mir gut. Sie sagen, seine Weigerung zu
fliehen, entspringe allein seiner freien Entscheidung. Ich aber sage, er wäre
geflohen, wenn er andere Gene gehabt und seine Mutter ihn anders erzogen hätte.
Mit den Gründen verhält es sich leider nicht so, wie Plato uns lehren wollte. In
entsprechenden Versuchen können wir sehen, dass Bewusstsein und Psyche - also
Geist - unter bestimmten physikalischen Bedingungen im Gehirn gebildet werden.
Das Gehirn konstruiert, so drücken wir Neurobiologen es aus, Ich-Zustände. Der
Mensch empfindet dies in diesem Moment als Bewusstseinszustand.
SPIEGEL: Können Sie das an einem Experiment erklären?
Roth: Denken wir an ein medizinisches Standardverfahren bei Patienten mit einem
Hirntumor. Da wird das Gehirn freigelegt, und die Mediziner testen vor der
Operation mit Hilfe von Elektroden, welche Funktionen das umliegende Hirngewebe
wahrnimmt. Die Neurochirurgen reizen das Gehirn mit kleinsten Stromschlägen.
Wenn sie dies in der Sehrinde tun, hat der Patient visuelle Halluzinationen. Bei
Stromimpulsen in anderen Regionen hat er plötzlich den Wunsch, nach einem Glas
zu greifen. Und hinterher schreibt der Patient diesen unfreiwilligen Handlungen
eine Bedeutung zu und unterstellt, mit Absicht gehandelt zu haben. Das tut er
zwangsläufig, weil die neuronalen Netze im Gehirn unser gesamtes Denken, Fühlen
und Wollen beinhalten.
SPIEGEL: Der Mensch redet sich also im Nachhinein Gründe ein, warum er gerade
die Hand bewegt hat?
Roth: In diesem Fall ja. Es hängt allerdings davon ab, wo der Experimentator die
Nervenzellen reizt. Er kann den Willen des Patienten in bestimmten Regionen
vollständig unterlaufen, und dennoch wird der Mensch angeben, er habe gerade
nach dem Glas greifen wollen. Doch es gibt auch Orte im Gehirn, da kann der
Patient nicht mehr erklären, warum er etwa den Arm bewegt hat. Wenn der
Experimentator hingegen im Rückenmark stimuliert, dann würde der Patient
interessanterweise leugnen, den Arm überhaupt angehoben zu haben.
Schockenhoff: Ich bezweifle, dass diese Experimente aussagekräftig sind, weil
sie sich nur auf eine einfache Körperbewegung beziehen. Um mich zu überzeugen,
müssten Sie mir Experimente bieten, bei denen es auch um moralische
Entscheidungen geht, in denen der Mensch abwägen muss, sich gar umentscheiden
könnte, nachdem er das Für und Wider bestimmter Argumente bedacht hat. Ihre
Experimente suggerieren, alles menschliche Handeln verlaufe allein von
neurobiologisch einfachen Zuständen zu komplexen Bewusstseinszuständen, und wir
müssten diese Zustände nur genau genug kennen, dann könnten wir sie voraussehen.
Roth: Da widerspreche ich. Denn die unbewussten Vorgänge legen ja nicht bis ins
kleinste Detail fest, wie in den bewussten Hirnschichten entschieden wird. Im
Gegenteil: Bestimmte Probleme, die unbewusste Hirnregionen nicht sofort lösen
können, hebt das Gehirn gewissermaßen vorsätzlich in die Sphäre des
Bewusstseins, des Geistes. Schwierige Entscheidungen werden der Großhirnrinde
als einem Abwägegremium vorgelegt, einer Art Jury.
SPIEGEL: Sie sagen aber auch, um im Bild zu bleiben, dass es in diesem
Debattierclub einen Chef gibt, der auf den Tisch haut und bestimmt, wo es
langgeht: das limbische System, das die menschliche Gefühlswelt steuert.
Roth: Richtig. Das limbische System hat bei der Handlungssteuerung das erste und
letzte Wort. Zwischendurch kommt der große Auftritt von Verstand und Vernunft.
Doch
die sind nur Berater. Ausschlaggebend für Entscheidungen sind die Erfahrungen,
die Gefühle, Hoffnungen, Ängste, die einen Menschen im Laufe seines Lebens
geprägt haben und sein Verhalten bestimmen.
Schockenhoff: Sehen Sie, bei Ihnen trickst das Gehirn das Ich aus! Sie sehen den
Menschen immer nur von ganz unten, vom kleinsten physikalischen Prozess aus.
Aber Sie müssen auch von oben beginnen, von seiner Bestimmung und seinem
spezifischen Wesen her denken. Es ist die Aufgabe des Menschen, rationale Gründe
zu erkennen, abzuwägen und danach sein Handeln auszurichten. Aus religiöser
Sicht ist der freie Wille ohnehin Voraussetzung menschlicher Existenz: Gott hat
den Menschen nicht als Marionette, sondern als Partner erschaffen. Er will seine
freie Gegenliebe, keinen willenlosen Gehorsam. Zu Weihnachten, am Fest der
Menschwerdung Gottes, gedenken die Christen der Erlösung aus Unfreiheit und
Angst. Die zentralen Glaubensaussagen setzen die menschliche Freiheit also
voraus.
Roth: Natürlich kann man das so sehen - doch religiöse Aussagen sind nicht zu
beweisen und stehen jenseits der Wissenschaft.
Schockenhoff: Aber wie wollen Sie ohne freien Willen das Phänomen der Liebe
erklären? Oder Vergebung? Wenn einer Unrecht, das ihm widerfahren ist, vergibt -
wie sollte er das tun, wenn nicht aus freiem Willen? Im Zentrum von
Zwischenmenschlichkeit stehen doch nicht irgendwelche limbischen Systeme.
Roth: Sie sind nun einmal die Grundlage unserer Empfindungen. Jeder psychischen
Entwicklung des Menschen geht neuronales Geschehen voraus. Das Ich-Bewusstsein,
das Wahrnehmen des eigenen Ichs, vollzieht sich beim Kleinkind in dem Maße, in
dem sich das Gehirn entwickelt und die vielfältigen Einflüsse seiner Umwelt
aufnimmt. Es existiert nicht für sich allein. Und wenn ein Kind Kompetenzen wie
Vernunft oder Abwägen nicht lernt, dann mangelt es ihm auch als Erwachsener
daran.
Schockenhoff: Sie schauen dem Hirn ja nur von außen bei seiner Aktivität zu und
versuchen so, die Entstehung dieser inneren Welt zu beobachten. Das ist ein
Widerspruch in sich. Ihre Zunft rast gerade auf einer Einbahnstraße dahin!
Roth: Sie behaupten Dinge, die ich nie gesagt habe. Auch ich erkenne an, dass
die psychische Dimension nicht allein von den Neurowissenschaften erklärt werden
kann. Aber: Mal angenommen, ich manipulierte an Ihrem Gehirn herum, und Sie
würden erleben, dass Sie den Arm heben. Und Sie würden mir gleichzeitig
erklären, Sie handelten freiwillig. Dann würden Sie einen Moment von Freiheit
erleben - ein unfreiwilliges Gefühl von Freiheit.
Schockenhoff: Der Fehler beginnt doch damit, dass Sie ständig nur vom Gefühl der
Freiheit sprechen. Sie müssten einmal fragen, wie die Wirklichkeit der Freiheit
entsteht. Nämlich durch Selbsterziehung und die Erziehung von Eltern oder der
Schule. Freiheit ist ein sittlicher Auftrag und keine empirische Eigenschaft.
Sie steht jenseits naturwissenschaftlicher Methoden.
Roth: Aber woher hat der Mensch diese eigenständige Freiheit? Es ist
unbefriedigend, bloß zu behaupten, der Geist agiere außerhalb
der Naturgesetze - zumal sich im Rahmen des Naturgeschehens alle Entscheidungen
von Menschen erklären lassen.
Schockenhoff: Ich bleibe dabei, dass es eine Wirklichkeit gibt, die sich mit
Ihren Methoden nicht angemessen erfassen lässt. Wenn ich ein Gemälde
wissenschaftlich analysiere, die Farbzusammensetzung, seinen Aufbau, dann
erklärt mir das noch lange nicht den Genuss, den die Ästhetik des Bildes
bereitet.
Roth: Erfahrungen wie Ästhetik, Liebe und Zuneigung haben eben auch ihre
Entsprechungen im Gehirn. Das Geistige ist ein natürlicher Zustand unserer Welt
- auch wenn es mehr ist als das bloße "materielle" Feuern von Neuronen. Es ist
vergleichbar mit dem Licht: Auch Licht ist nicht reduzierbar auf die Gesetze der
Festkörperphysik. Und doch gehört es als masseloses Phänomen zur physikalischen
Welt.
Schockenhoff: Anders als das Licht handelt der Mensch aber. Sie wollen
absichtsvolles Handeln rein physikalisch erklären. Das lässt sich nicht
gleichsetzen.
Roth: Auch absichtsvolles Verhalten ist mit den Gesetzen der natürlichen Welt
erklärbar. Es gibt Zentren im Gehirn, die aktiv sein müssen, damit man etwas
will und sich frei fühlt. Dort laufen Planungs- und Abwägungsprozesse zusammen.
Reizt man solche Zentren im Experiment, fühlt sich der Mensch frei. Das Gehirn
hat gelernt: Wenn dieses Zentrum aktiv ist, sind dem viele Abwägungsprozesse
vorhergegangen.
SPIEGEL: Sie rütteln ganz schön am Kantschen Bild vom aufgeklärten Menschen.
Dabei ist die Idee des freien Willens die Grundbedingung für unser Rechtssystem.
"Der innere Grund des Schuldvorwurfs", so definiert es der Bundesgerichtshof,
"liegt darin, dass der Mensch auf freie, verantwortliche, sittliche
Selbstbestimmung angelegt und deshalb befähigt ist, sich für das Recht und gegen
das Unrecht zu entscheiden."
Roth: Es ist in der Tat eine der wichtigsten Fragen des Rechts, wann ein Mensch
aus freien Stücken handelt und wann nicht. Unsere Rechtsprechung baut auf der
Prämisse auf, dass ein Täter unter identischen Bedingungen anders hätte handeln
können - wenn er nur gewollt hätte. Wenn aber Zweifel angebracht sind, dass der
Mensch in diesem ontologischen Sinn einen freien Willen hat, würde das
eigentlich bedeuten: Im Zweifel für den Angeklagten. Also könnte niemand
verurteilt werden. So ließe es sich theoretisch betrachten.
Schockenhoff: Wenn ohnehin nur Gene und Lebensumstände über die Taten eines Men-
schen bestimmen, dann ließe sich ja argumentieren, jemand wie Hitler könne nicht
zur Verantwortung gezogen werden. Das können Sie nicht im Ernst meinen!
Roth: Hitler hat nach den Maximen seiner kranken Psyche gehandelt. Sie hat ihm
sein Tun diktiert. Das ändert natürlich nichts daran, dass Täter verurteilt
werden müssen. Es gibt eine Definition von Freiheit, die zum Strafrecht und zu
den Gesetzmäßigkeiten der Neurowissenschaften passt: Es ist eine Art praktische
Freiheit - und die bleibt unberührt von der Frage, ob der freie Wille eine
Illusion ist. Auf dieser Freiheit fußt unser Gesellschaftssystem. Sie erlaubt
dem Menschen, im Sinne der Aufklärung vernünftig und verantwortungsvoll zu
handeln. Dazu braucht er offenbar die Vorstellung, er habe einen freien Willen.
Er muss sich frei fühlen und das Gefühl haben, er verwirkliche sich selbst,
könne Vernunft walten lassen und Alternativen und Argumente abwägen. Dazu darf
er weder psychisch noch physisch unter Zwang stehen.
Schockenhoff: Das klingt nach einer zynischen Gebrauchsanleitung.
Roth: Keinesfalls. Praktische Freiheit ist gefühlte Freiheit. Sie entwickelt
sich über gesellschaftliche Konzepte - und damit über Bildung und Erziehung.
Deshalb haben andere Gesellschaften auch ein anderes Verständnis von Freiheit
und Recht. Um nicht in Diktatur und Unterdrückung zu enden, muss eine
Gesellschaft ihre Kinder im Sinn dieser praktischen Freiheit erziehen. Nur so
lernen Menschen, was wir gemeinhin freien Willen nennen: die Fähigkeit, ohne
Zwang abzuwägen und zu entscheiden. Wichtig ist aber auch, dass andere ihm das
Gefühl von Freiheit vermitteln.
Schockenhoff: Das verstehe ich nicht. Die anderen können mir ja niemals
nachweisen, dass ich mich frei fühle. Die erliegen ja selbst nur der Illusion
des freien Willens. Dann teilen wir gemeinsam eine große Illusion. Was bringt
uns das?
Roth: Die äußere Perspektive der Freiheit ist psychologisch wichtig. Sie
unterstellt dem Gegenüber Handlungsalternativen. Der Mensch fühlt sich erst
frei, wenn andere ihm die Freiheit zuschreiben.
Schockenhoff: Das ist Wortklauberei. Sie retten den freien Willen nicht, wenn
Sie aus ihm nur ein soziales Konstrukt machen.
Roth: Aber er ist ein Konstrukt. Weil es sich im Prinzip lückenlos
nachvollziehen lässt, wenn sich ein Mensch von 5000 Möglichkeiten für
Alternative 276 entscheidet. Wäre das nicht so, gäbe es so etwas Schnödes wie
Marktforschung nicht. Scharen von Psychologen ordnen bestimmte Produkte in
bestimmter Weise so an, dass die Leute wie besinnungslos einkaufen. Und dann
meint Herr Müller, er habe freiwillig die Schuhe erworben, die in einem
bestimmten Regal auf Augenhöhe standen. Dabei brauchte er bloß eine Zahnbürste.
Der ganze kapitalistische Markt baut darauf auf, dass der Mensch unbewusst zu
bestimmten Handlungen zu verführen ist und sich dabei noch frei fühlt.
Schockenhoff: Und dann kommen Sie, Herr Roth, und erklären dem Herrn Müller,
dass Sie seine Unfreiheit durchschaut haben. Aber genau durch diese Erkenntnis
helfen Sie ihm, sich von solchen unbewussten Entscheidungen unabhängig zu
machen. Der Mensch ist also doch prinzipiell fähig zu einem emanzipierten freien
Willen.
Roth: Nein, nein, umgekehrt. Ihr Einwand ist ein wundervoller Beleg für meine
These. Wenn ich Herrn Müller erkläre, warum er plötzlich Schuhe gekauft hat,
wirke ich ja auf sein Gehirn ein und löse Gedanken aus, die ihn vielleicht
tatsächlich immuner machen gegen Kaufrausch. Ich erhöhe damit die Alternativen
seines Verhaltens und damit seine praktische Freiheit. Das heißt aber nicht,
dass sein Wille per se frei ist. Das nächste Mal wird er wieder in die Falle
tappen und sich manipulieren lassen. Und letztlich ist mein Eingreifen ja auch
eine Art von Manipulation.
janos hat geschrieben:Warum das so ist, ist ein großes Rätsel, aber offensichtlich existiert Geist und freier Wille, jedenfalls für uns Fuzzy-Hirnis. Auch für die Materie, die wir willentlich bewegen.
Thorkan hat geschrieben:Der Zustand des Gehirns tendiert in diesem Fall zu Selbstmord
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