Den postmodernen (sprich: heutigen) Realitätsbegriff hat Jean Baudrillard 1976 (in "Der symbolische Tausch und der Tod") auf den Begriff der Hyperrealität gebracht (etwa im Sinne von: absolute Wertmaßstäbe wurden durch vagabundierende Systeme von ihren je eigenen ("simulierten") Wertmaßstäben abgelöst).
Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen - in der Dominanz des Internets hat dieser Begriff m.E. eine ungeahnte Eskalation erfahren.
In dem o.g. Buch behauptet Baudrillard, dass das Symbolische durch "Codes" abgelöst wird - gemeint sind Codes als Umgangsformen, Dress-Codes, usw. ( Verstehe ich so, dass ein konkreter Code nur in seinem eingeschränkten Werte-System operativ funktioniert (im Gegensatz zu metaphorisch), etwa der Code der "Bonität" im Finanzsystem. )
Baudrillard schränkt aber ein, dass "das Symbolische" und "der Code" letztlich selbst schon Simulationsbegriffe seien. Aber wenn dem so ist, würde es nicht heißen, dass von "Hyperrealität" zu sprechen heißt, selbst im System der Simulation zu verbleiben ?
Baudrillards vernichtende Kritik liegt darin, dass per Hyperrealität keine Vorstellung (von Wirklichkeit) mehr erscheint, sondern es darum geht, der Welt (oder wem auch immer) ein bestimmtes operatives Konzept aufzuzwingen, wie dir Realität strukturiert sei.
Die Vorstellung liegt darin, Zugang zu einer bestimmten gegebenen sozialen Realität zu erlangen.
Es geht also nicht um die Frage "Was haben wir vor uns?", sondern um "Bist du Teil des Konzepts - oder nicht? Kennst du den Code - oder nicht ? "
Dieser letzte Teil kommt in Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut gut heraus: als Tom Cruise erkennt, dass sein Ausschluß aus dem geheimen Zirkel mangels des fehlenden Code-Worts auf der Paradoxie beruhte, dass er nicht wußte, dass es tatsächlich gar kein solches Code-Wort gab (die Frage war eine Fangfrage).
Ich denke, dass ein Unterschied zwischen einem symbolischen Tausch und dem Code darin besteht, dass der Tausch zwei Positionen entstehen läßt, während der Code letztlich als Eintrittskarte funktioniert ("Zugang" zu irgendwas).
Meine Frage war: Und was wird durch Hyperrealität simuliert ?
Die Antwort könnte sein, dass Hyperrealität als unmöglicher Code fungiert, der als Realitäts-Zugang funktionieren soll ( zu einer Realität, die wie Kafkas Schloß letztlich verschlossen bleibt).
Ich würde mich über Antworten freuen, vor allem von Leuten, die mit der Denke Baudrillards etwas vertraut sind.
