Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

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Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

Beitragvon Guest001 » Fr 3. Dez 2010, 21:45

Den postmodernen (sprich: heutigen) Realitätsbegriff hat Jean Baudrillard 1976 (in "Der symbolische Tausch und der Tod") auf den Begriff der Hyperrealität gebracht (etwa im Sinne von: absolute Wertmaßstäbe wurden durch vagabundierende Systeme von ihren je eigenen ("simulierten") Wertmaßstäben abgelöst).

Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen - in der Dominanz des Internets hat dieser Begriff m.E. eine ungeahnte Eskalation erfahren.

In dem o.g. Buch behauptet Baudrillard, dass das Symbolische durch "Codes" abgelöst wird - gemeint sind Codes als Umgangsformen, Dress-Codes, usw. ( Verstehe ich so, dass ein konkreter Code nur in seinem eingeschränkten Werte-System operativ funktioniert (im Gegensatz zu metaphorisch), etwa der Code der "Bonität" im Finanzsystem. )

Baudrillard schränkt aber ein, dass "das Symbolische" und "der Code" letztlich selbst schon Simulationsbegriffe seien. Aber wenn dem so ist, würde es nicht heißen, dass von "Hyperrealität" zu sprechen heißt, selbst im System der Simulation zu verbleiben ?

Baudrillards vernichtende Kritik liegt darin, dass per Hyperrealität keine Vorstellung (von Wirklichkeit) mehr erscheint, sondern es darum geht, der Welt (oder wem auch immer) ein bestimmtes operatives Konzept aufzuzwingen, wie dir Realität strukturiert sei.

Die Vorstellung liegt darin, Zugang zu einer bestimmten gegebenen sozialen Realität zu erlangen.

Es geht also nicht um die Frage "Was haben wir vor uns?", sondern um "Bist du Teil des Konzepts - oder nicht? Kennst du den Code - oder nicht ? "

Dieser letzte Teil kommt in Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut gut heraus: als Tom Cruise erkennt, dass sein Ausschluß aus dem geheimen Zirkel mangels des fehlenden Code-Worts auf der Paradoxie beruhte, dass er nicht wußte, dass es tatsächlich gar kein solches Code-Wort gab (die Frage war eine Fangfrage).

Ich denke, dass ein Unterschied zwischen einem symbolischen Tausch und dem Code darin besteht, dass der Tausch zwei Positionen entstehen läßt, während der Code letztlich als Eintrittskarte funktioniert ("Zugang" zu irgendwas).

Meine Frage war: Und was wird durch Hyperrealität simuliert ?

Die Antwort könnte sein, dass Hyperrealität als unmöglicher Code fungiert, der als Realitäts-Zugang funktionieren soll ( zu einer Realität, die wie Kafkas Schloß letztlich verschlossen bleibt).

Ich würde mich über Antworten freuen, vor allem von Leuten, die mit der Denke Baudrillards etwas vertraut sind.
Guest001
 

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Re: Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

Beitragvon Gast » Mi 29. Dez 2010, 18:58

Hallo User,
ich bin durch deinen Beitrag zum ersten Mal auf den Namen Baudrillard gestoßen, also leider keiner von den von dir favorisierten Antwortern.
Darum stelle ich mal eine Gegenfrage.
Wie unterscheidet B. denn "wirkliche" von "simulierten" Wertmaßstäben? Wie gesagt kenne ich B. nicht aber auf dem ersten Blick klingt das nach dem allgemeinen Vorwurf des Werteverfalls in der Gesellschaft.
Meine erste Alltagsreaktion geht auch in diese Richtung aber wenn ich's bedenke und meine eigene Eitelkeit 'rausnehme glaube ich nicht mehr daran. Den Vorwurf gab es schon bei den alten Griechen. Ich denke die Gesellschatfgeschichte hat keine Richtung nach gut oder schlecht sondern ist ein stetiges Auf und Ab wechselnder Ideen. A priori die eine einer anderen vorzuziehen fällt mir schwer. Dafür müsste man erstmal einen "absoluten" Standpunkt haben. Hat B. einen?
Grüße
Peter aus Winsen
Gast
 

Re: Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

Beitragvon JoachimStiller » Mi 29. Dez 2010, 21:01

Ich z.B. möchte dem entgegenahlten, das Wertmaßstäbe 1. nichts mit Realität zu tun haben, und 2. dass Wertmaßstäbe immer individueller Natur sind. Jeder hat seinen eigenen Wertmaßstab. Ich dacht, das hätte die Philosophie längst geklärt. Für mich entspricht es jedenfalls meinem Selbstverständnis. Und aus die Maus... Gruß Joachim Stiller Münster
JoachimStiller
 
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Re: Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

Beitragvon Matze » Mo 3. Jan 2011, 13:47

Hallo Peter,

danke für deine Frage. Ich versuche mal eine Antwort.

Wie unterscheidet B. denn "wirkliche" von "simulierten" Wertmaßstäben?

Die kurze Fassung ist vielleicht, daß die heutigen Wertmaßstäbe von einem Gesellschafts-Modell vorgegeben werden.

Wichtig im Sinne Baudrillards ist, dass der Wertmaßstab universellen Modell-Charakter hat und dass er vorgegeben wird (durch die implizierte Richtigkeit des Modells).

An der Geschichte der "Partei Die Grünen" läßt sich m.E. der Übergang von "wirklich" zu "simuliert" gut verdeutlichen:

Zu Anfang war der Umweltschutz ein wirkliches Anliegen dieser im politischen Spektrum neuen Partei.

Mit ihrem wachsenden Erfolg wurde der Umweltschutz dann aber zu einem gesellschaftlichen Modell, dass auch von den anderen Parteien propagiert wurde (um an dessen Erfolg zu partizipieren).

Heute weiß jedes Schulkind, wie es antworten muß, wenn nach "Umweltschutz" gefragt wird - auch jene, die mit Umweltschutz wenig am Hut haben, "wissen", daß Umweltschutz wichtig ist.

Für Baudrillard wird die die Simulation durch die Abfrage in Umfragen deutlich, in denen eine "Bürgermeinung" hergestellt wird, die das vorgegebene gesellschaftliche Modell als Frage/Anwort-Spiel reproduziert.

Der etwas unheimliche Witz an der Sache ist, dass die Simulation der Meinung scheinbar real wirkt, d.h. die Politik kann nach den vorgegeben und abgefragten Meinungen handeln, obwohl die einzelnen Individuen / die Masse mehr oder weniger indifferent gegenüber dem sog. "Wertmaßstab" sind.

Die Politik als Ausführende des Bürgerwillens kann sich auf "Umweltschutz" als Wertmaßstab berufen, in Wirklichkeit ist der Wertmaßstab aber, dass die Politik am besten jene Modelle übersetzen kann/will, die in Umfragen gut akzeptiert werden.

Die Diskrepanz dieser Medien-Simulation erscheint, wenn die Politik (oder die Demokratie) mit dieser ungeschriebenen Regel bricht - sei es mit Absicht oder aus unglücklichen Umständen (Stuttgart 21).


Gruß Matze
Matze
 

Re: Eine Frage zu "Hyperrealität" (Jean Baudrillard)

Beitragvon GerhardBuch » So 26. Feb 2012, 08:21

Guest001 hat geschrieben:Meine Frage war: Und was wird durch Hyperrealität simuliert ?

Nichts. Es gibt keine Hyperrealität. Es gibt nur Realität. Doch diese will erkannt sein.
GerhardBuch
 
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