Das Kapital (Karl Marx)

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Das Kapital (Karl Marx)

Beitragvon MeVoilà » So 9. Okt 2011, 22:13

Guten Abend,

ich befasse aktuell mit dem Kapital von Karl Marx und hätte einige Fragen zu ausgewählten Passagen, von denen ich nicht sicher bin, sie korrekt verstanden zu haben. Vielleicht ist ja der eine oder andere unter Ihnen, der sich bereit erklären würde, sich meiner in diesem Fall anzunehmen. Ich danke Ihnen schon mal im Voraus.

"Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist est nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert"

Ist Arbeit aber dann nicht prinzipiell nützlich, da jede Arbeit, die nutzlos ist, nicht als Arbeit zählt ?

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"Die erste Eigentümlichkeit, die bei der Betrachtung der Äquivalentform auffällt, ist diese: Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts"

Könnten Sie mir diese Aussage bitte erklären ? Inwiefern wird der Gebrauchswert zum Wert ?

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"Indem die relative Wertform einer Ware, z.B. der Leinwand, ihr Wert sein als etwas von ihrem Körper und seinen Eigenschaften durchaus Unterschiedenes ausdrückt, z.B. als Rockgleiches, deutet dieser Ausdruck selbst an, daß er ein gesellschaftliches Verhältnis verbirgt."

Was versteht Marx unter dem Begriff "gesellschaftliches Verhältnis" ? Bezieht er sich damit auf den Austausch von Waren, also das Übergehen einer Ware vom Warenbesitzer A zum Warenbesitzer B.

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"Da aber Eigenschaften eines Dings nicht aus seinem Verhältnis zu andern Dingen entspringen, sich vielmehr in solchem Verhältnis nur bestätigen, scheint auch der Rock seine Äquivalentform, seine Eigenschaft unmittelbarer Austauschbarkeit, ebensosehr von Natur zu besitzen wie seine Eigenschaft, schwer zu sein oder warm zu halten."

Heißt das nicht, dass jedes Ding theoretisch Äquivalent sein kann, da es diese Eigenschaft von Natur besitzt, so dass die "unmittelbare Austauschbarkeit" als eine Grundeigenschaft anzusehen ist ?

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"Es ist also eine dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform, daß Privatarbeit zur Form ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form"

Was versteht Marx unter "Privatarbeit" und unter "Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form" ?

Mein Privatarbeit, die Herstellung eines Produktes, z.B. die Herstellung eines Teppich durch den Weber.

"Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheits bereits die Festigkeit eines Volksurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist."

Sind die Warenform als allgemeine Form des Arbeitsprodukts und das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer als herschendes gesellschaftes Verhältnis also die Grundvoraussetzungen für die Gleichheit aller Menschen ?"

Mit freundlichen Grüßen

MeVoilà
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Re: Das Kapital (Karl Marx)

Beitragvon raziel » Fr 4. Nov 2011, 15:36

Hallo. Ich habe mich extra wegen dieses Themas hier im Philosophie-Forum angemeldet. Im Internet gibt es leider kaum Foren, in denen über die Arbeitswerttheorie diskutiert wird. Dabei ist die Marxsche Arbeitswerttheorie sehr spannend und aus meiner Sicht logischer als die herrschende Grenznutzentheorie. Ich selbst habe das Kapital gelesen und bin jetzt bei den Grundrissen.

Ich beantworte mal deine Fragen aus meiner Interpretationsweise heraus:

"Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist est nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert"

Ist Arbeit aber dann nicht prinzipiell nützlich, da jede Arbeit, die nutzlos ist, nicht als Arbeit zählt ?


Für Marx gibt es einen strikten Unterschied zwischen Qualität und Quantität, was die Warenproduktion und -zirkulation betrifft. Dies nennt sich 'Doppelcharakter der Waren' und 'Doppelcharakter der Arbeit'. Arbeit - im modernen Sinne - kann sowohl nach ihrer Qualität betrachtet werden (konkrete Arbeit) als auch nach ihrer Quanität (abstrakte Arbeit). Der Begriff 'Nutzen' (der ja auch in der Grenznutzentheorie eine zentrale Rollen spielt, obwohl er dort etwas Anderes bedeutet als bei Marx) beschreibt die qualitative Seite der Ware. 'Nutzen' drückt die Qualität der Ware aus, also welchen Zweck und welches Bedürfnis sie erfüllt. 'Nutzen' ist nicht quantitativ (obwohl Marx in den Grundrissen noch etwas Anderes behauptet). Und genauso ist es mit der Arbeit. Bei der konkreten Arbeit geht es um das 'Was wird hergestellt?', bei der abstrakten Arbeit um das 'Wieviel wird hergestellt?'. Die konkrete Arbeit schafft also den 'Nutzen', nicht die abstrakte.
Um nun eine Ware zu produzieren, muss die darin vergegenständlichte Arbeit sowohl konkret als auch abstrakt sein; sowohl einen Nutzen (Gebrauchswert) als auch eine Menge (Wert) herstellen. Produziere ich nun einen Gegenstand, der keinen 'Nutzen' für Andere hat, also kein Gebrauchswert ist, so verfällt die darin enthaltene abstrakte Arbeit ebenfalls. Arbeit muss immer als Doppelseitiges betrachtet werden. Wobei sich hier natürlich die Frage stellt, ob eine Ware sofort wertlos ist, wenn sie keinen Nutzen hat, oder ob ihr Wert nur allmählich verfällt.

"Die erste Eigentümlichkeit, die bei der Betrachtung der Äquivalentform auffällt, ist diese: Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts"

Könnten Sie mir diese Aussage bitte erklären ? Inwiefern wird der Gebrauchswert zum Wert ?


Umgekehrt: Der Wert wird zum Gebrauchswert - aber nur scheinbar.
Marx unterscheidet nicht nur zwischen Qualität und Quanität, sondern auch zwischen Wesen und Erscheinung. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es diese Unterscheidung nicht, aber in den Sozial- und Naturwissenschaften ist bekannt, dass wir in der Realität viele Täuschungen unterliegen können. Ich vergleiche diese Marxsche Unterscheidung gerne mit dem physikalischen Beispiel der Lichtbrechung eines Stabes unter Wasser. Wenn man einen gerade Stab unter Wasser hält, sieht es so aus, als sei er zerbrochen - aber das ist nur eine Illusion, die durch das Zusammenspiel von Licht und Wasser ausgelöst wird. Ähnlich verhält es sich bei der Produktions- und der Zirkulationssphäre der Ware. Die Warenzirkulation verdreht die Kategorien der Warenproduktion. Dies geschieht schlichtweg durch den Warentausch selbst. Treten sich zwei Warenproduzenten gegenüber, so können sie sinnlich nur die Gebrauchswerte erfassen, nicht jedoch - getrennt davon - die Quantität. Die Marktteilnehmer sitzen dann der Illusion auf, es ginge beim Kaufen und Verkaufen bzw. beim Tauschen primär nur um Kleidung, Autos oder Möbel. Die Austauschmenge zwischen zwei Waren wird dann als natürliche Eigenschaft des Gebrauchswerts gesehen.

Was versteht Marx unter dem Begriff "gesellschaftliches Verhältnis" ? Bezieht er sich damit auf den Austausch von Waren, also das Übergehen einer Ware vom Warenbesitzer A zum Warenbesitzer B.


Richtig. Marx begreift den Menschen als ein Gesellschaftswesen, und da kein Mensch allein für sich selbst sorgen kann, sondern stets abhängig ist von der Unterstützung seiner Mitmenschen, stellt sich die Frage: Wie kommt ein Individuum im Kapitalismus eigentlich an die überlebensnotwendige "Unterstützung" durch seine Mitmenschen? In vorkapitalistischen Zeiten wurde dies durch das Gewohnheitsrecht (römisches Recht) und durch Religion geregelt. Im Kapitalismus dagegen wird das biologische und gesellschaftliche Existenzrecht des Einzelnen nur anerkannt, wenn er möglichst viel und möglichst schnell Waren produziert und tauscht. In der modernen Vulgärökonomie wird das als 'Leistung' bezeichnet, obwohl es sich hier um ein asoziales Gesellschaftsverhältnis handelt. Zu Beginn des Kapitalismus wurden traditionelle Rechte und Pflichten aufgehoben, so dass die Menschen untereinander keine Verpflichtungen gegeneinander mehr besaßen, sondern jeder Einzelne Narrenfreiheit erhielt, sich soviel nehmen zu dürfen, was er wollte, ohne irgendjemandem Rechenschaft darüber abgeben zu müssen. Lediglich der Staat verhindert, dass es dann zu Mord und Totschlag unter den Bürgern kommt. Und das Austauschverhältnis im Kapitalismus zeigt Spuren dieses Gesellschaftsverhältnis, nämlich dass es im Kapitalismus nicht um Qualität, sondern immer nur um Quantität geht. Es geht nicht um ein Miteinander, sondern um ein Gegeneinander, um einen Wettlauf auf Leben und Tod. Es geht nicht darum, was du produzierst und ob es einen Nutzen hat, sondern wieviel und wie schnell du es produziert hast. Bist du langsamer und produzierst du weniger als der gesellschaftliche Durchschnitt, verurteilt dich die Gesellschaft zum Tode durch Verhungern.

Heißt das nicht, dass jedes Ding theoretisch Äquivalent sein kann, da es diese Eigenschaft von Natur besitzt, so dass die "unmittelbare Austauschbarkeit" als eine Grundeigenschaft anzusehen ist ?


Es geht hier wieder um die Erscheinung. Der Wert ist keine stoffliche Eigenschaft und auch keine Qualität, aber in der Zirkulationssphäre sieht es so aus, als sei der Austausch von Waren etwas Natürliches, was den Dingen selbst anhaftet, weil man gesellschaftliche Verhältnisse nicht unmittelbar sehen, hören, fühlen oder schmecken kann. Wenn man auf einen Markt geht, sieht man nicht irgendwelche Dinge, die in einem Tauschverhältnis zueinander stehen, sondern man sieht konkrete Bücher, Haushaltsgeräte, Schuhe etc..

Was versteht Marx unter "Privatarbeit" und unter "Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form" ?


Marx meint damit die Illusion, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Teilarbeiten, die jeder von uns machen muss, um zu überleben, auf dem Markt, also der Zirkulationssphäre, erscheinen, als handle es sich um autonome und völlig unabhängige Arbeiten. Wenn ich auf den Markt gehe, dann sehe ich vereinzelte Warenbesitzer und es sieht auch so aus, als hätten sie ihre Waren völlig unabhängig aus eigener Kraft produziert. Tatsächlich ist es aber so, dass unsere Arbeiten alle voneinander abhängig sind, weil eben, wie gesagt, der Mensch ein Gesellschaftswesen ist und daher auch seine Individualität nur durch die Gesellschaft hergestellt werden kann. Beispiel: Ohne die Rohstofflieferanten kann ein Halbwarenfabrikant seine Waren nicht herstellen, ohne die Arbeit des Halbwarenfabrikanten kann der Autobauer keine Autos produzieren, ohne die Arbeit des Autobauers kann ein Transportunternehmer wiederum keine Rohstoffe transportieren usw.. Dennoch sitzen viele Menschen der Illusion auf, sie würden, wenn sie arbeiten, irgendwas gänzlich aus eigener Kraft schaffen, obwohl das faktisch nirgends der Fall ist. Das ständige Kaufen und Verkaufen ist kein Zeichen für die Unabhängigkeit der Warenproduzenten, wie es den Anschein hat, sondern zeigt bei genauerem Hinsehen eine Abhängigkeit zwischen den Warenproduzenten auf.

Sind die Warenform als allgemeine Form des Arbeitsprodukts und das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer als herschendes gesellschaftes Verhältnis also die Grundvoraussetzungen für die Gleichheit aller Menschen ?"


Gute Frage. Begriffe wie 'Gleichheit' oder 'Freiheit' sind ja moderne Begriffe und entstanden parallel zur Warengesellschaft. Nur muss man sich fragen, was Gleichheit hier bedeutet. Im politischen Sinne bedeutet Gleichheit die Gleichheit vor dem Staat, und ich denke, dass dies auch hier ein quantitatives Verhältnis ausdrückt. Denn umgedreht bedeutet Gleichheit schlichtweg: Ihr seid alle dem gleichen politischen Herrscher unterworfen und werdet von ihm beurteilt. Allerdings ist auch der Staat in das Konkurrenzverhältnis der Menschen eingebunden, welches er ja selbst befördert hat. Das bedeutet, dass auch der Staat von Quantität abhängig ist, um seinen bürokratischen Apparat aufrecht erhalten zu können. Das würde jetzt aber alles in die Kritik der Aufklärung führen. Das ist nochmal ein gesondertes Thema.
raziel
 
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