Hallo philophax, es ist schade, dass du mich so falsch verstehst. Besonders hier wird deutlich, was ich in meiner Antwort zur Sinn-des-Lebens-Diskussion auf deinen dortigen letzten Beitrag meinte. Wenn imperativ und ich von Arbeit sprechen, , auch nicht eine wie immer geartete Lohnarbeit, schon gar nicht die spezielle Form der kapitalistischen Lohnarbeit, überhaupt keine spezielle Erscheinungsform der Arbeit. Wir meinen die Arbeit als zielgerichtete, bewusste Tätigkeit des Menschen in Auseinandersetzung mit der objektiven Realität. In dieser Tätigkeit erwirbt, entfaltet, erprobt, verwirklicht der Mensch seine Fähigkeiten und Kenntnisse. Arbeit als philosophischer Begriff unterscheidet sich vom sozialökonomischen Begriff Arbeit.
Notwendige Arbeit wird hier als der Teil der Arbeit verstanden, der zur Herstellung der menschlichen Güter aufgewandt werden muss, um – global betrachtet – die biologische Existenz der Menschheit zu sichern. Diese Arbeit ist Zwangsarbeit nicht im moralischen, sozialen sondern im biologischen, natürlichen Sinne. Ihr könnte sich die Menschheit nur entziehen, wenn alles was sie zum Leben braucht von etwas Außermenschlichem produziert würde. Ob das diese Aliens lange mitmachen, ist sehr zweifelhaft.
Mehrarbeit ist demnach der Teil der Arbeit, der uns die Freiräume schafft, sich mit den Dingen des Lebens jenseits der notwendigen Arbeit zu beschäftigen.
Erst wenn die Menschen ein wie immer geartetes Mehrprodukt schaffen, haben sie die Möglichkeit, arbeitsteilig tätig zu sein. Erst ab diesem Zeitpunkt können, Arbeitsteilung und Spezialisierung erfolgen, entwickelt sich der Austausch von Produkten, die – wie Marx es formuliert – bei einer bestimmten Quantität der Tauschprozesse Warencharakter annehmen. Damit können sie auch ein allgemeines Äquivalent (Muscheln, Mühlsteine, Salz, Edelmetalle,…, Papiergeld) hervorbringen.
Erst dann können einzelne Mitglieder der Gesellschaft, zumindest teilweise von notwendiger Arbeit befreit, Religion verbreiten, sich mit Kunst und Kultur beschäftigen, allgemeine Geschäfte der Gesellschaft wahrnehmen (Politik betreiben) usw. usw.
Die erste große Teilung der Arbeit die Teilung zwischen Stadt und Land ging einher mit einer ersten Teilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Die frühen Philosophen, Astrologen oder für die allgemeinen Geschäfte der Gesellschaft Zuständigen, die Künstler alle waren bis auf wenige Ausnahmen bis in die Anfänge des Kapitalismus hinein nur vereinzelt von aller notwendigen Arbeit befreit. Meist mussten sie zusätzlich zu ihren Beschäftigungen mit Wissenschaft, Theologie, Kunst, allgemein mit Kultur, auch noch einen Teil ihrer Lebensmittel selbst herstellen. Das änderte sich erst in zunehmender Geschwindigkeit mit dem Beginn der kapitalistischen und insbesondere mit der industriellen Produktion. Erst jetzt wurde für eine größere soziale Gruppe, die sogenannte besondere soziale Schicht Intelligenz, eine ausschließliche Beschäftigung mit Politik, Wissenschaft Kunst, etc. möglich.
Aber auch erst jetzt konnte die Teilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit in Form von menschunwürdiger Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit am Fließband erfolgen. Gleichzeitig führte jedoch – auch durch den wachsenden Widerstand der Gewerkschaften – diese bis auf Handgriffe zergliederten Arbeitsinhalte hin zur Automatisierung zunächst in der materiellen Produktion.
Mittlerweile haben solche Prozesse fast alle Lebensbereiche durchdrungen. Man kann sich ihnen entziehen, durch Verweigerung,
aber auch durch Veränderung. Wie sich ein Mensch entscheidet, hängt von vielen Faktoren ab.
Was die Formulierungen von dir:
„Vorab möchte ich unmissverständlich sagen, dass ich kein Befürworter von (insbesondere lohnabhängiger) Arbeit bin, und dafür habe ich viele Gründe.“
und von Joachim Stiller betrifft:
„Und auch, wenn ich nicht EU-berentet wäre, würde ich grundsätzlich nicht arbeiten, oder eben nur und ausschließlich in den Bereichen, in denen ich heute auch arbeite.“
(Hervorhebung durch mich)
Schrieb ich: „Ich bitte euch sehr, noch einmal genau über eure Haltung nachzudenken.
Das was ihr schreibt, passt nicht zu dem, was ihr tut.“Aus euren Formulierungen geht eindeutig hervor, jede Form von Arbeit, insbesondere jede Form von Lohnarbeit sei – außer bei Joachim, der auch wenigstens seine eigene Arbeit anerkennt – abzulehnen.
Da auch ich, lieber philophax, die website von Joachim angesehen und seine philosophischen Ansichten - mit denen ich im Wesentlichen, aber nicht in allen Punkten übereinstimme - in großen Teilen gelesen habe, frage ich mich schon, wenn das keine Arbeit in o. g. Sinne sein soll, was es dann, deiner Meinung nach sein könnte.
Ein Reaktion von Achim auf meinen Beitrag auch Widerspruch hätte mich gefreut.
Wenn du meinst: „
Nun, bezüglich Deines Einwands, dass es ja Menschen gibt, die, sei es aus familiären oder anderen Gründen, keine andere Wahl haben,“(als zu arbeiten) „ muss ich bei meiner Grundeinstellung bleiben: Niemand hat im Leben die Pflicht, eine Familie (nach traditionellem Vorbild) mit Kindern zu gründen. Er wird eher aus gesellschaftlichen- und staatlichen Vorteilen nicht selten dazu getrieben.“
steht das für mein Empfinden zumindest in Widerspruch zu dieser
auch deiner Meinung, die voll akzeptiere:
„Mehr Wissen oder Erleben erweitert die Möglichkeit auf mehr Sinn. Wie man dann das Wissen zu Gunsten von mehr Sinn im Leben nutzt, ist dann schon wieder eine individuelle Sache.“
Also, wenn ich dich richtig verstehe, eine freie Entscheidung des Einzelnen.
Wenn wir nun berücksichtigen, dass unser heutiges Wissen nur auf dem Fundament unserer Vorgängergenerationen möglich wurde, und höher als das Wissen z.B. unserer Großväter und –mütter ist, wäre es doch fair auch unseren Nachfolgegenerationen dieses und unser hinzugefügtes Wissen im Interesse der Menschheitsentwicklung, der menschlichen Kultur weiterzugeben.
Ich meine, deshalb es muss auch Jemand da sein, dem wir etwas weitergeben können. Nun wird es sicher den einen oder anderen geben, der nicht für Nachwuchs sorgen kann oder will. Das gab es schon immer und ist natürlich zu respektieren. Wenn aber hochzivilisierte Völker heutzutage mit relativ hohem materiellen Lebensniveau in der Summe weniger Kinder in die Welt setzen als Menschen sterben, muss man sich doch schon einmal die Frage stellen dürfen, was läuft hier schief, warum ist das heute so anders als noch vor zwei Generationen?
„... niemand ist als Lagerarbeiter oder Bürokraft geboren. Konkret kann das heißen, man malt Bilder und verkauft sie auf einem Kunstmarkt am Wochenende (auch, wenn Du es nicht glaubst, aber damit verdienen sehr viele mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt). Das gleiche gilt für das Kunsthandwerk. Technisch Talentierte können nützliche Sachen erfinden und sie an den Mann bringen; ein Onkel von mit hat zum Beispiel das “tief liegende Doppellager-Fahrad” erfunden, mit dem man mit Füssen und Händen - umweltschonend - eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern erreicht und sich dabei auch noch fit hält. Wie auch immer, es gibt zahlreiche und lohnende Alternativen zur Lohnarbeit, man sollte dann nur bereit sein, das Alte mutig aufzugeben. Zugegeben: Dumme und sture Traditionalisten werden das nicht können.“
Ja so etwas ist möglich. Aber glaubst du allen Ernstes, wir könnten heute noch einmal zurück in die vorkapitalistische kleine Warenproduktion? Wo einer ein Fahrrad herstellt, von mir auch zehn, und sich damit zufrieden gäbe, wenn er von dem Erlös gerade mal nicht verhungern müsste? Vielleicht kann er sich ja auch noch ein Dach über den Kopf leisten. Ich denke, wenn dein Onkel – und wenn nicht er, dann ein anderer – ein Fahrrad erfunden hat, was reißenden Absatz fände, dann würde er schnell dazu kommen, seine Produktion auszuweiten und Gehilfen einstellen. Das ist der Lauf der Geschichte, ob es uns passt oder nicht. Und das halte jedenfalls ich auch für vernünftig.
„Hierzu habe ich für mich festgestellt, dass herkömmlich arbeitende Menschen eigentlich recht bequem sind, aber nicht, weil sie faul sind, sondern, weil herkömmliche Lohnarbeit eine gewisse Sicherheit bietet und oft ideenmäßig träge macht: Ich bekomme regelmäßig Geld und Urlaub, ich weiß, wann Feierabend ist und erhalte ggf. noch eine Betriebsrente. Was soll ich da noch zusätzlich meine grauen Zellen aktivieren, um nach Alternativen zu suchen. So begibt sich der abhängige Arbeitnehmer „freiwillig in Gefangenschaft“ -
Das ist eine , deine Ansicht, ich habe Menschen in vielen unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen kennengelernt, und ich habe sie anders erlebt. Und, ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht als Zuschauer an die Seitenlinie des Lebens als Beobachter stellt, sondern irgendwann auch bei uns wieder dafür sorgt, dass Arbeit ihrem Inhalt und Wesen nach wieder zur Lebenstätigkeit wird, wo der Mensch mit Freude und Lust Probleme zu seinem und der Menschheit Nutzen wirkt. Vielleicht, wenn du das dann beobachtest, findest du dann ja auch wieder Freude an gemeinsamer, auf das Wohl aller gerichteter Arbeit. Bis dahin müssen wir wohl auf deine aktive Mitarbeit leider verzichten.
Schade philophax
Hallo Imperativ, bis auf die Übernahme der „wörtlichen“? Interpretation des Aristoteles für die heutige Zeit
ohne Sklaven (im klassischen Sinne des Wortes)
„die Zwängen unterworfene notwendige Arbeit sei menschenunwürdig und Arbeitssklaven zuzuweisen“,
stimme ich dir völlig zu.
Zählten bei Aristoteles Sklaven überhaupt zu den Menschen?
Da wir, ohne "Sklaven", selbst für die Produktion der zum Leben notwendigen Sachen sorgen müssen, können wir uns das eine oder andere zwar durch Automatisierung vom Hals schaffen, aber letztlich bleibt irgendwas doch an uns Menschen selber hängen. Wenn wir das einsehen, werden wir auch diesen natürlichen Zwang genau so selbstverständlich ertragen wie das Wetter, welches uns gegenwärtig doch manchmal ganz schön auf die Nerven geht.
MfG horuad